Fakten kurz und knapp
Hier gibt es für Überflieger sachliche Einordnungen zu Neurodivergenz und verwandten Begriffen, ohne Vereinfachung, ohne Pathologisierung.
Hinweis: Die folgenden Begriffe umfassen teils wissenschaftlich gesicherte Konzepte, teils gebräuchliche Beschreibungsmodelle.
Ihre Bedeutung kann je nach Kontext variieren.
Grundbegriffe & Einordnung
Neurodivergenz
Neurodivergenz steht für die natürliche Vielfalt menschlicher Gehirn- und Denkweisen.
Neurologische Unterschiede werden dabei als Teil menschlicher Variation verstanden, nicht automatisch als Krankheit.
Der Begriff beschreibt ein Konzept, keine Diagnose.
Neurotypisch
Neurotypisch meint Wahrnehmungs-, Denk- und Verarbeitungsweisen, die den gesellschaftlich erwarteten Normen entsprechen.
Der Begriff fungiert als Gegenbegriff zu neurodivergent, ohne qualitative Wertung.
Er verweist auf eine statistische Mehrheit, nicht auf eine Idealform.
Neuroentwicklungsbedingte Unterschiede
ADHS
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) umfasst neuroentwicklungsbedingte Unterschiede in Aufmerksamkeit, Impulssteuerung und Aktivitätsniveau.
Typisch sind u. a. Aufmerksamkeitsinstabilität, erhöhte Impulsivität und innere oder äußere Unruhe.
ADHS ist eine diagnostische Kategorie, kein Persönlichkeitsmerkmal.
ADS
ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung) bezeichnet eine Ausprägung innerhalb des ADHS-Spektrums ohne ausgeprägte äußere Hyperaktivität.
Im Vordergrund stehen Aufmerksamkeitsprobleme, innere Unruhe, verlangsamte oder sprunghafte Verarbeitung und hohe Ablenkbarkeit.
Der Begriff wird heute überwiegend beschreibend verwendet und dem ADHS-Spektrum zugeordnet.
Autistische Merkmale
Autistische Merkmale umfassen einzelne autismusnahe Eigenschaften in Wahrnehmung, Kommunikation oder Verarbeitung.
Sie können unterschiedlich stark ausgeprägt sein, auch ohne erfüllte Diagnosekriterien.
Gemeint ist die Beschreibung von Eigenschaften, nicht eine Diagnosestellung.
Autismus
Autismus beschreibt eine neuroentwicklungsbedingte Ausprägung mit anhaltenden Unterschieden in sozialer Interaktion, Kommunikation, Wahrnehmung und Verarbeitung.
Diagnostisch wird er als Autismus-Spektrum mit sehr unterschiedlicher Ausprägung und Unterstützungsbedarf verstanden.
Autismus ist eine Diagnose und nicht mit einzelnen autistischen Merkmalen gleichzusetzen.
Lernen, Lesen, Rechnen
Dyslexie / Legasthenie
Dyslexie (auch Legasthenie) betrifft anhaltende Schwierigkeiten beim Lesen und/oder Schreiben trotz ausreichender Intelligenz und Beschulung.
Betroffen sind vor allem Laut-Buchstaben-Zuordnungen und die Automatisierung von Lese- und Schreibprozessen.
Es handelt sich um eine umschriebene Lernstörung, nicht um mangelnde Begabung.
Dyskalkulie
Dyskalkulie kennzeichnet anhaltende Schwierigkeiten im Umgang mit Zahlen und mathematischen Grundkonzepten.
Betroffen sind z. B. Mengenverständnis, Rechenstrategien und das Automatisieren von Rechenoperationen.
Auch sie ist eine umschriebene Lernstörung, unabhängig von Intelligenz.
Wahrnehmung & Reizverarbeitung
Detailwahrnehmung
Detailwahrnehmung bezeichnet eine verstärkte Wahrnehmung feiner Unterschiede, Muster und Abweichungen.
Sie kann visuelle, auditive, sprachliche oder emotionale Aspekte betreffen.
Detailwahrnehmung kann eine analytische Stärke sein, erhöht aber häufig die Reizlast.
Meta-Denken
Meta-Denken bezeichnet die Fähigkeit, das eigene Denken, Fühlen oder Handeln bewusst zu beobachten und zu reflektieren.
Es ermöglicht Perspektivwechsel, Selbststeuerung und das Erkennen von Mustern.
Meta-Denken ist eine kognitive Fähigkeit, keine Diagnose.
Sensorische Empfindlichkeit
Sensorische Empfindlichkeit beschreibt eine niedrige Reizschwelle gegenüber Sinnesreizen wie Licht, Geräuschen, Gerüchen oder Berührung.
Sie betrifft primär die sensorische Verarbeitung, nicht Persönlichkeit oder Emotionen.
Es handelt sich um ein Verarbeitungsmerkmal, keine Diagnose.
Emotionale Reaktivität
Emotionale Reaktivität bezieht sich auf Stärke und Geschwindigkeit emotionaler Reaktionen auf innere oder äußere Reize.
Sie kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein.
Emotionale Reaktivität ist ein Merkmal, keine Störung.
Reizüberflutung
Reizüberflutung bezeichnet einen Zustand, in dem die individuelle Verarbeitungskapazität überschritten ist.
Sie kann sensorische, emotionale oder kognitive Ursachen haben.
Reizüberflutung ist kein Persönlichkeitsmerkmal, sondern eine Folge von Überlastung.
Gefühle & Anpassung
Alexithymie
Alexithymie betrifft eine eingeschränkte Wahrnehmung und Benennung von Gefühlen – bei sich selbst und bei anderen.
Emotionen sind vorhanden, aber schwer zugänglich oder schwer einzuordnen.
Alexithymie ist ein Merkmal, keine Diagnose und nicht gleichbedeutend mit fehlender Empathie.
Masking
Masking meint bewusste oder unbewusste Anpassungsstrategien an neurotypische Erwartungen.
Dazu zählen z. B. das Unterdrücken eigener Bedürfnisse oder das Nachahmen sozialer Verhaltensweisen.
Masking kann funktional sein, ist jedoch dauerhaft energieaufwendig.
Funktionieren im Alltag
Hochfunktionalität
Hochfunktionalität beschreibt einen Modus, in dem äußere Anforderungen trotz innerer Belastung zuverlässig bewältigt werden.
Sie beruht häufig auf Anpassungs-, Kompensations- und Kontrollstrategien und ist dauerhaft anstrengend.
Hochfunktionalität ist keine Diagnose und sagt nichts über das tatsächliche Belastungserleben aus.
Diese Übersicht dient der Begriffsorientierung und ersetzt keine individuelle Einordnung.