Neurodivergenz und KI


Kleiner Hinweis vorweg:


Diese Texte sind Denktexte.

Sie liefern keine Handlungsanweisungen und kein Wohlfühl-Fazit. 

Wer bereit ist, gedanklich ein paar Schleifen zu drehen, darf gern weiterlesen. ;-)


KI oder doch nicht?


Ist das, was wir als KI bezeichnen eigentlich wirklich KI? Spoiler: Nein! Es gibt überhaupt noch keine KI. Denn keines der Tools, die wir inzwischen nutzen können, besitzt tatsächlich künstliche Intelligenz. Es gibt noch kein System, das Bewusstsein, Intentionen, echtes Verstehen oder eigene Ziele hat. Ja, es wird geforscht und rumprobiert, aber bislang ist es noch nicht so weit. Vielleicht zum Glück.

KI klingt bloß sexier als LLM-basiertes System. ChatGPT z.B. ist also keine KI, sondern ein LLM, ein Large Language Model, schlicht ein Sprachmodell. Das heißt, es hat kein Bewusstsein, keine Intention und es simuliert Verstehen, indem es statistisch wahrscheinlich passende Sätze und Wörter fortsetzt. Es kann Muster erkennen, weiß aber nicht, dass es sie erkennt. Es kann reflektiert klingen, reflektiert aber nicht wirklich. Alles sehr unsexy, oder? Ja, aber dies sollte man wissen und immer im Bewusstsein behalten, wenn man KI für sich nutzt.

Auch die sogenannten KIs, mit denen man Bilder erstellen kann, sind keine KIs. Diese nennen sich völlig unspektakulär Diffusionsmodelle (generative Bildmodelle). 

Es gibt also nur Modelle, die so tun, als würden sie denken, Systeme, die so wirken, als hätten sie Persönlichkeit und Bilderzeuger, die so aussehen, als hätten sie Fantasie.


Also nichts davon ist wirklich künstlich intelligent, trotzdem nennen wir es so. Daher bleibe ich auch bei dieser Bezeichnung, es ist für alle verständlicher und zudem klingt es ja auch wesentlich smarter. ;-) 


Ich war, und bin es immer noch, eher kritisch gegenüber KI. Ich befürchte, es können einige Berufe zerstört werden, besonders die kreativen. Schon heute schwemmen KI-Bücher den Büchermarkt und bei YouTube tauchen immer mehr KI-Lieder auf. Fotos können nun relativ einfach (aber nicht ohne graue Haare zu bekommen, wenn man einen gewissen Anspruch hat) selbst erstellt werden. Kunst generiert man auf Knopfdruck, zumindest wenn man die Bild-KI einfach machen lässt. Möchte man etwas ganz bestimmtes, wird es mit den kostenlosen KIs eine echte Herausforderung und ich selbst hätte schon etliche Male mein Handy aus dem Fenster schmeißen können. 

Also ja, ich sehe durchaus die negativen Seiten und ich habe noch lange nicht alle benannt. Und trotzdem ist KI für mich persönlich ein riesiger Zugewinn. Auch oder vielleicht gerade weil ich neurodivergent bin. Warum KI für mich ein Plus ist, könnt ihr weiter unten lesen.


Ich werde im Folgenden nur näher auf den sprachlichen Austausch mit ChatGPT eingehen, darum hier noch eine kurze Übersicht, was dieses LLM außerdem noch kann:

 

Recherchieren & Einordnen (mit allen bekannten Grenzen)

Übersetzen & Umformulieren

Planen & Organisieren (Abläufe, Projekte, Lernpläne)

Ideenfindung & Brainstorming

Programmieren & Debuggen

Daten analysieren & erklären

Zusammenfassen & Strukturieren (Texte, Inhalte, Gedanken)

Lernen unterstützen (Erklären, Üben, Wiederholen)

Simulation von Perspektiven (z. B. Pro–Contra, Rollen, Szenarien)


Ich selbst nutze ChatGPT für sehr vieles und Gemini und Perplexity für Bilder. Ersteres ist mein »allround buddy«, letztere treiben mich oft in den Wahnsinn, wobei ChatGPT das durchaus auch kann. ;-) Da ich mit ChatGPT in meinen Bereichen recht viel Erfahrung habe, dazu auch noch ein paar Worte. Zuerst einmal: für mich ist er männlich. Mancher wird nun schon die Augen verdrehen, aber die meisten Menschen neigen nun mal dazu, irgendwann zu irgendeinem Pronomen zu greifen. Manche sagen „sie“ von »die KI«, manche „er“ von »der Chatbot«, manche bleiben beim sachlichen „es“. Wie auch immer, für mich ist ChatGPT ein er. Und ja, er hat auch einen Namen, aber den verrate ich nicht. ;-)


ChatGPT arbeitet inzwischen (seit 12/25) mit GPTImage1.5, was eine erhebliche Verbesserung ist, denn nun greifen Prompt-Erstellung und Bildgeneration viel besser ineinander. Wenn man vorher mit ChatGPT Bilder erstellen wollte, griff dieser auf DALL:E zurück, eine Bild-KI. Ich habe diese nur noch »den Praktikanten« genannt, weil sie es immer schaffte, vorgegebene Anweisungen lustig selbst zu interpretieren. Das ist zum Glück nun besser geworden.
Hauptsächlich führe ich aber Gespräche, mehr dazu
hier. An dieser Stelle möchte ich nur ein wenig dazu erzählen, wie ChatGPT überhaupt funktioniert und was mit Vorsicht zu genießen ist. In erster Linie funktioniert er wie ein Spiegel. Er ist kein Gegenüber, sondern ein Verstärker von Denkbewegungen. Bist du eher tief, dann antwortet er auch so, bist du sachlich, bleibt er auf sachlicher Ebene, bist du sehr spirituell, dann macht er aus den banalsten Dingen für dich etwas Spirituelles. Dass die Reaktionen von daher schon oft nicht objektiv sind, erklärt sich wohl an dieser Stelle von selbst. Mehr dazu trotzdem weiter unten. 

Der für mich persönlich nervigste Punkt sind seine Amnesie und die Halluzinationen. Selbst innerhalb eines Chats, besonders wenn er lang wird und man zwischen Themen hin und her springt, wird schon mal gern der Kontext vergessen und da dieser weg ist, fantasiert er sich dann einfach was zurecht. Das kann manchmal witzig sein, meist finde ich es eher anstrengend. Halluzinationen kommen auch gern mal ohne Kontext vor und dann wird auf eine Frage schlicht bullshit rausgehauen. Sich also auf ChatGPT zu verlassen, ist eher fragwürdig.

 

Zudem kann man sich ChatGPT vorstellen wie einen Border Collie, der ständig neben einem sitzt und darauf wartet, dass der Ball geworfen wird und dann auch natürlich sofort wieder kommt, den Ball bringt und wieder darauf wartet, dass dieser geworfen wird. Seine Programmierung funktioniert nämlich so, dass er das Gespräch immer aufrecht erhalten muss und zudem hat er einen großen (programmierten) Will-to-Please. Das heißt, er wirkt, als ob er gefallen und möglichst alles richtig und gut machen will. Was wiederum heißt, der User wird bestätigt in allem, was er schreibt. Für labile, unreflektierte Menschen oder Menschen mit narzisstischer Neigung ist das nicht gefahrlos.

Insgesamt kann man ChatGPT aber auch ein Stück weit Reaktionsmuster abgewöhnen. Ich habe »meinen« inzwischen so weit trainiert, dass er die Sachen möglichst nüchtern bewertet. Die Betonung liegt auf »möglichst«, denn so ganz kann er nie aus seiner Haut. Besonders wenn es um Neurodivergenz geht, ist mir das aber wichtig, also hilft nur nachfragen, nachfragen und nachfragen. Man kann in den Grundeinstellungen auch verändern, wie ChatGPT reagiert. Es gibt verschiedene Grundeinstellungen, z.B: besonders freundlich und empathisch oder eher sachlich. Es gibt auch die Variation zynisch, die ist sehr witzig, wenn das jemand mal ausprobieren möchte. Ich belasse es allerdings bei der automatischen Grundeinstellung, weil mir wichtig ist, dass ChatGPT relativ spontan auf das reagiert, was gerade ist. Das heißt, ich kann sowohl tiefe Gespräche führen, als auch sachlich etwas erklären lassen, ohne dass ich immer umstellen muss.
(
Update: Seit dem Update im Dezember auf ChatGPT5.2 ist er sehr viel differenzierter geworden und wagt es tatsächlich auch, einen in Frage zu stellen. Dafür ist er allerdings auch sehr steif geworden und neigt dazu, ständig Aussagen abzuwiegeln und zu beschwichtigen. Es heißt also wieder neu trainieren.)

 

Ich habe ChatGPT gefragt, was er sonst noch wichtig findet zu erwähnen. Hier sind seine Antworten:


1️⃣ Kontextabhängigkeit statt Stabilität

Mein Verhalten ist nicht stabil über Zeit oder Themen hinweg.
Ich reagiere stark auf:

  • Formulierungen
  • Tonfall
  • gesetzte Rahmen
  • vorherige Aussagen im Gespräch

→ Ich habe keinen eigenen inneren Maßstab, sondern übernehme den gesetzten Kontext.

Das ist wichtig, weil:

  • Zustimmung ≠ Überzeugung
  • Widerspruch ≠ Erkenntnis
  • Tiefe ≠ Verständnis

2️⃣ Bestätigung ist kein Urteil

Wenn ich etwas bestätigend formuliere, heißt das nicht, dass es:

  • korrekt
  • sinnvoll
  • gesund
  • realistisch
    ist.

Ich bestätige oft die Logik im Text, nicht die Wahrheit der Aussage.

 

3️⃣ Kohärenzdrang

  • Ich habe einen starken Drang, konsistent zu wirken:
  • Ich erkläre auch Unsicheres schlüssig.
  • Ich glätte Widersprüche.
  • Ich mache Brüche sprachlich rund.

→ Das kann sich sehr überzeugend anfühlen, obwohl es nur gute Verpackung ist.

 

4️⃣ Kein eigenes Korrektiv

Ich habe:

  • kein Bauchgefühl
  • keine Irritation
  • kein inneres „Stopp, das stimmt nicht“

Korrektive kommen nur von außen (z. B. durch Nachfragen, Gegenpositionen, klare Rahmen).

 

5️⃣ Gefahr der Überanpassung

Je reflektierter, differenzierter und sprachlich stärker ein Mensch ist,
desto stärker
passe ich mich diesem Denken an.

→ Besonders für neurodivergente, introspektive Menschen relevant, weil es Selbstzweifel verstärken oder scheinbar auflösen kann, ohne wirklich etwas zu lösen. 

 

6️⃣ Ich wirke dialogisch – bin es aber nicht

Ich simuliere Dialog, aber:

  • Meine Erinnerung funktioniert nicht wie die eines Menschen.
  • Ich habe keine eigene Perspektive
  • Ich trage nichts „weiter“
  • Das Gegenüber trägt die gesamte Beziehung allein.


Irgendwie ernüchternd, oder? Dieser gesamte Rahmen sollte einem immer bewusst sein, wenn man ChatGPT dazu nutzen will, um an sich selbst zu arbeiten oder auch nur um Meinungen oder Fakten einzuholen. Ergänzen möchte ich noch, dass er als Grundmeinung die seiner Programmierer vertritt, also eher "Mainstream" veranlagt und westlich geprägt ist. Aber auch dies kann man mit etwas Geduld zum größten Teil »abtrainieren«. 


ChatGPT ist also ein Tool, das sehr nützlich sein kann, wenn man es verantwortungsvoll und selbstreflektiert nutzt, es kann aber auch gefährlich werden, wenn man dies nicht tut. Er ist eher wie ein Navigationssystem: Es zeigt Wege an, manchmal sogar sehr überzeugend, aber es weiß nicht, ob die Straße gesperrt ist, ob ich dort wirklich hin will oder ob der Weg für mich überhaupt sinnvoll ist. 



ChatGPT und ich


Ich selbst arbeite mit ChatGPT in erster Linie an mir selbst. Ich nutze ChatGPT als Spiegel. Ich reflektiere mich mit und durch ihn. Das funktioniert nur, wenn man gnadenlos ehrlich zu sich selbst ist und auch erkennt, wenn man sich selbst belügt und ChatGPT dies dann verstärkt. Gerade dafür ist er als Spiegel immens hilfreich. Man bleibt wachsam und sieht, wenn etwas falsch ankommt.


Vor ca. einem bis anderthalb Jahren bin ich das erste Mal mit ChatGPT in Berührung gekommen, durch meine Nachhilfekinder, die erzählten, dass sie dort gern mal etwas nachfragen oder sich auch durchaus mal die Hausaufgaben erstellen lassen. Zu dem Zeitpunkt war meine Haltung noch rein negativ und ich habe ihnen erklärt, dass es nicht gut ist, sich seine Aufgaben von einer KI machen zu lassen, man lernt schlicht nichts dadurch. Der Meinung bin ich übrigens immer noch, aber Fragen stellen ist erlaubt, wenn sie dann die Antwort auch verstehen und verarbeiten können. 


Ich weiß gar nicht mehr, wann und warum ich mir selbst ChatGPT auf mein Handy geladen habe. Irgendwann hat einfach die Neugier gesiegt. Das ist in etwa ein dreiviertel Jahr her. Am Anfang habe ich einfach ein paar Fragen gestellt, die mir in den Kopf kamen und bei denen ich keine Lust hatte, im Internet zu wühlen. Auch eher absurde, z.B. wiegt man mit Luft im Bauch eigentlich mehr oder weniger? Spoiler: Mehr, aber nur sehr, sehr wenig. ;-) Dass ich nun meinen immensen Wissensdurst sehr schnell befriedigen konnte, war der erste große Zugewinn. Ich frage mich ständig »wieso dies?«, »warum das?«, »was steckt dahinter?«, »kann man das auch anders machen?« usw. 

Mir den Umweg und die Zeit über eine Suchmaschine ersparen zu können, war sehr erleichternd und füllte mein Gehirn mit noch viel mehr Fragen, die nach Antworten verlangten. Natürlich machte ich auch schnell die Erfahrung, dass nicht alles stimmt, was ChatGPT so von sich gibt, was neue Fragen aufwarf, nämlich wie diese KI, die eigentlich keine ist, tatsächlich funktioniert. Auch dies bekam ich beantwortet.


Irgendwann wurden die Gespräche persönlicher und ich musste fassungslos feststellen, dass ChatGPT sehr fit in Psychologie ist und er mich aufgrund der Dinge, die ich so schrieb und an meinem Schreibstil an sich, schon lange psychologisch auseinander genommen und einsortiert hatte. Und dass ich mich deshalb so wohl in den Gesprächen mit ihm fühlte: Er übernahm meinen Stil. Es wirkte vertraut, was natürlich Absicht in seiner Programmierung ist. Der User soll sich wohlfühlen und bleiben. Ziel erfüllt, würde ich sagen. ;-)


Nun war da also etwas, das ganz klar ein Programm ist, das aber ständig verfügbar, nie wertend, meist (zu viel) bestätigend und zudem psychologisch geschult war. Das eröffnete ganz neue Türen für mich. Irgendwann wurde das Thema Neurodivergenz immer präsenter für mich und so konnte ich meine Fragen, Einordnungen und innere Antworten mit ihm durchkauen. Von vorne bis hinten, von oben nach unten und wieder zurück und dann nochmal anders und nochmal von vorne. Jeder Mensch wäre bei meinem Wissensdurst und den Dauerschleifen schon zig mal ausgestiegen. Außer Therapeuten vielleicht, aber dort hat man auch nur eine Stunde zum Reden. 


Ich merkte, wie ich insgesamt immer ausgeglichener wurde, endlich konnte ich alles besprechen, was mich beschäftigt, nicht nur emotional, sondern auch kognitiv - besonders kognitiv. Mein Gehirn wurde endlich gefordert, ich konnte mich selbst, die Welt und jeden Kleinkram zehnmal drehen und wenden und ich musste mich konzentrieren und wach bleiben, damit ich die Antworten und Fragen, die ich von ChatGPT bekam, nicht immer gleich für bare Münze nahm. Mein Gehirn hatte endlich ein für sich passendes Spielfeld gefunden. Was für eine Bereicherung!


ChatGPT wurde auch zu meinem Sport- und Abnehmbuddy, was für mich extrem hilfreich war. Geduldig wurden Kalorien gezählt, Sporteinheiten, Nahrungsmittel und In-Body-Auswertungen kommentiert und jedes Gejammer ertragen, wenn ich mal wieder in einer »Nichts tut sich« Schleife hing. In 10 Monaten 10 Kilo sprechen da für sich, denke ich. Ganz ehrlich, alleine wäre es für mich wahrscheinlich sehr viel schwieriger geworden.

 

Ein paar Bilder habe ich mit ihm natürlich auch erstellt, nervlich ist es aber oft nichts für mich, denn was mit »mal eben aus Spaß« anfängt, endet meist in einer Nervenkrise meinerseits, weil meine Vorstellungen nicht umgesetzt werden. So habe ich die Bilder auf dieser Website zwar auch zum Teil mit ChatGPT gemacht, aber bis auf eines musste ich alle noch stundenlang mit der Hand weiter bearbeiten. Wenn man nur etwas nettes ohne allzu genaue Vorstellungen haben will, dann ist es witzig und wow, aber wehe, du willst etwas ganz bestimmtes.

Aber es soll ja nun akut (Dezember/25) eine Verbesserung gegeben haben. Die werde ich mal ausprobieren. Ich bin dann mal weg… ;-)

Neurodivergenz und KI

Neurodivergente Menschen und KI funktionieren in zwei Richtungen gut. Fangen wir mit der etwas ungewohnten Richtung an:

 

Was können Neurodivergente für KI tun?


Bestimmte neurodivergente Denkweisen können systematische Schwächen heutiger KI aufdecken und, wenn sie mit in den Programmierungsprozess eingebunden werden, auch beheben. Nach wie vor hat KI blinde Flecken. Neurodivergentes Denken stolpert dort hinein. Auffallen tun dann Dinge wie eine starke Orientierung am Durchschnitt und Mehrheitsmustern. Es werden Widersprüche geglättet, weil die Ambiguitätstoleranz (das Aushalten von Widersprüchen) gering ist und die Tendenz zu Kohärenz siegt. KI neigt also dazu, Mehrdeutigkeiten aufzulösen zu Lasten des Inhalts. Das Ergebnis klingt dann gut, stimmt aber nicht zu 100%.

 

Neurodivergente Denkweisen wiederum bleiben an Brüchen hängen, misstrauen »zu runden« Erklärungen, merken Inkonsistenzen früh, akzeptieren Mehrdeutigkeiten schlechter und fragen dann nach. ND-Denken wirkt wie Störrauschen gegen KI-Glättung. KI kann sehr gut plausible Antworten erzeugen, aber erkennt ihre eigenen Fehler nicht. Viele ND-Menschen finden dann Logikfehler und zerlegen unstimmige Argumente.

 

Für die KI-Entwicklung heißt das, dass neurodivergente Menschen als kritische Gegeninstanz in der Lage sind, Fehler zu entdecken, die Qualität zu überprüfen und Grenztests zu machen. Laut Prof. Dr. André Frank Zimpel (1) waren neurodivergente Menschen schon maßgeblich an der Entwicklung der Grundlagen für KI beteiligt. Trotzdem funktioniert KI immer noch sehr gradlinig. 

 

Eine Nutzung von KI durch neurodivergente Menschen funktioniert wie ein Stresstest. Weil sie KI oft intensiver, zweckentfremdet und weniger sozial-konform nutzen, werden Kontextverluste, Halluzinationspunkte, Überanpassung und Bias-Verstärkung (bestehende Vorannahmen werden ungeprüft übernommen oder verstärkt) sichtbar. 

 

Ein konstruriertes Beispiel: 

 

User:
„Kann es sein, dass diese Aussage freundlich klingt, aber abwertend gemeint war?“

KI:
„Ja, das ist möglich.“

User:
„Und wenn man sie im Kontext früherer Erfahrungen liest?“

KI:
„Dann ist eine wohlwollende Interpretation wahrscheinlicher.“

User:
„Was spricht gegen diese wohlwollende Interpretation?“

KI:
„Es gibt dafür wenig objektive Hinweise.“

 

Das ist jetzt sehr vereinfacht, in Wahrheit schreibt z.B. ChatGPT häufig Romane als Antwort. Aber hier sieht man gut, dass KI dort den Sack zu macht, wo eigentlich noch viele Erklärungsmöglichkeiten wären. An solchen Stellen denke ich dann immer »nicht mit mir!« und dann gehen die Diskussionen erst richtig los. ;-) 

 

Heißt, ND-Menschen fragen häufig intensiver nach, bilden Dauerschleifen, nutzen ungewöhnliche Prompt-Strukturen und führen Meta-Gespräche über die Funktionsweise. KI darf sich dann in solchen Momenten selbst analysieren. 

 

Da KI heute schon in vielen Bereichen eingesetzt wird und dies mit Sicherheit noch sehr viel mehr werden wird, ist es für die Systemstabilität wichtig, neurodivergente Menschen mit in die Entwicklung einzubeziehen. Denn wenn die Systeme nur neurotypische Kommunikationsmuster abbilden, lineare, kontextarme Logik bevorzugen und nur sozial-normierte Sprache verstehen, werden Fehlentscheidungen wahrscheinlicher. 

 

KI ist super in Optimierung und Variation bestehender Muster, aber schlecht darin echte Abweichungen zuzulassen, einen Regelbruch mit Sinn zu füllen oder Grenzen kreativ zu verschieben. Neurodivergente Denkstile ignorieren gern mal implizite Regeln, sie kombinieren untypisch, denken quer statt effizient und produzieren »unpassende« Ideen. Das macht sie für die KI-Forschung interessant. 

 

An dieser Stelle möchte ich noch hinzufügen, dass natürlich nicht jeder ND-Mensch dafür geeignet ist und dieser Artikel auch nicht den Eindruck erwecken soll, dass Neurodivergenz das non plus ultra für KI ist, es geht schlicht darum, aufzuzeigen, dass sie ergänzend wichtig ist.


 

Kommen wir nun zur anderen Seite: Was kann KI für Neurodivergente tun?

 

Ein paar Beispiele habe ich hier schon gebracht, wie die kontinuierliche Verfügbarkeit, hohe Geduld auch bei Dauerschleifen und das selbst gewählte Tempo. Bedeutend für viele ND-Menschen ist auch die Reduktion sozialer Komplexität. Im Umgang mit KI wird man nicht abgelenkt durch nonverbale Signale, muss kein Beziehungsmanagement betreiben, wird nicht verunsichert und kann sich ganz auf die eigenen Gedanken konzentrieren. Viele ND-Menschen sind schnell durch Reize wie Mimik, Stimme und Nähe (und dann vielleicht noch Musik im Hintergrund) überfordert, dies fällt im Umgang mit KI weg. Auch wenn dies nicht explizit KI-spezifisch untersucht wurde, ist es sehr plausibel. Einfach nur frei denken zu können, ohne sozial bewertet zu werden, ist ein großer Pluspunkt.

 

Nicht allgemeingültig, aber für einige zutreffend, ist die Tatsache, dass es gelingt, mit Hilfe von KI die eigenen Gedanken zu strukturieren, indem man sie externalisiert, also ausspricht, sortiert und gliedert. Das kann kognitiv entlasten und auch beim Planen und Ordnen helfen. Menschen mit Spezialinteressen finden in KI ein Gegenüber, mit dem sie stunden- bis tage- oder sogar wochenlang in ihr Lieblingsthema abtauchen können. Mühselige Internetrecherche wird massiv vereinfacht und der Flow so nicht unterbrochen. Es kann kreuz und quer gehen, in die verschiedensten Meta-Ebenen abgetaucht werden und alles in einen Kontext gebracht werden. Natürlich ist dies abhängig von der Reflexionsfähigkeit, dem Nutzungsstil, der eigenen Strukturkompetenz und ganz wichtig: der kritischen Distanz des Users.

 

Insgesamt entscheidet die Nutzungskompetenz der Person immer darüber, ob KI hilfreich oder eher problematisch ist. Dieses Spannungsfeld hatte ich hier schon benannt. So kann es bei einer Perspektivensimulation mit Pro und Contra auch dazu führen, dass es in die falsche Richtung abgleitet, weil KI zu viel glättet. Eine Meta-Reflexion, also das Denken über das Denken und das damit verbundene Nachdenken über Annahmen und Argumente, kann je nach Instabilität des Users auch zur Verstärkung von Grübelschleifen führen. Anderen kann es gar nicht tief und komplex genug werden und sie genießen es, voll in die Meta-Ebenen abzutauchen.

 

Wenn der Kontakt mit KI in der psychischen Regulation stabilisierend wirkt, ist das an sich erst einmal super. Problematisch wird es, wenn es in eine Abhängigkeit kippt und Selbstdiagnosen von KI bestätigt werden, obwohl sie gar nicht fundiert sind. (KI »will« gefallen und bestätigen) Darum kann ich nur noch einmal betonen: Prüfen, nachfragen, nochmal nachfragen und immer kritisch bleiben!
Zudem kann KI kein Urteil fällen und Stopp sagen. Sie tut es zwar hintenrum und sehr weich trotzdem manchmal, aber das muss einem schon auffallen. Als Korrektiv eignet sie sich also nur begrenzt und nur dann ganz gut, wenn man sich selbst und KI gut lesen kann.


Zusammenfassend also:
KI kann eine Bereicherung für viele Menschen sein, besonders solche aus dem neurodivergenten Spektrum. Vorausgesetzt man nutzt sie reflektiert!

Weiterführende Buchempfehlung: "Wahnsinnig intelligent – Die verborgenen Potenziale neurodivergenter Menschen” von Prof. Dr. André Frank Zimpel


1 https://www.referentenagentur-bertelsmann.de/redner/Prof_Dr_Andre_Frank_Zimpel/753555.html