Mein Worst-Case-Gehirn heißt Brunhilde
Wenn das Nervensystem Alarm schlägt

Ein neurodivergentes Nervensystem läuft schneller mal aus dem Ruder. Wie ich in meinem letzten Artikel schon beschrieben habe, entwickeln neurodivergente Menschen deutlich häufiger Ängste oder Depressionen. Das liegt unter anderem daran, dass das Nervensystem schneller überlastet ist. Die Gründe dafür liegen natürlich in der Veranlagung. Was für den einen Stress bedeutet, kann für den anderen völlig entspannt sein. Jeder hat so seine eigenen Themen.
Mein größtes Thema ist die Gesundheit meiner Tiere. Ich habe zwei Kater und eine kleine Hündin, und sie sind für mich meine kleine Familie. Sie geben mir Halt, Routine, Liebe und Freude – etwas, das für mich einen Rahmen schafft, in dem ich mich wohlfühle.
Durch meine autistischen Anteile gerät dieses sichere Netz allerdings schnell ins Wanken, wenn es einem meiner Tiere nicht gut geht. Ich hatte in meinem Leben schon einige Tiere und leider auch etliche wirklich traurige Erfahrungen machen müssen. Dadurch hat mein Worst-Case-Gehirn – ich nenne es Brunhilde – ordentlich Futter für alle möglichen Katastrophenszenarien.
Brunhilde steht also schnell mal mit der Axt im Raum und ruft den Ausnahmezustand aus, wenn etwas nicht ganz so läuft, wie es sollte. Oft ist sie übertrieben unterwegs, manchmal aber auch begründet. Natürlich enden ausnahmslos alle Vorhersagen von Brunhilde mit dem Tod. Dabei hat sie schon oft daneben gelegen, trotzdem meint sie immer noch, es besser zu wissen.
Brunhilde ist nicht jemand, der gemütlich durch das Gehirn spaziert und ab und an mal einen Gedanken einwirft. Nein, sie fordert Dauerpräsenz mit allen vegetativen Erscheinungen, die dafür wichtig sind: Herzrasen, Unruhe, sich nicht lange auf etwas konzentrieren können, Darmperistaltik, Übelkeit, Schweißausbrüche usw. Alles, was die Natur uns mitgegeben hat, damit wir bei einer Begegnung mit einem Tiger überleben. Nur dass es heutzutage selten um einen Tiger geht.
Vor ungefähr einem Monat hatte mein Kater eine Blasenentzündung, die nach der Behandlung zunächst wieder gut zu sein schien. Nach zwei Wochen fing es jedoch wieder an – diesmal mit einem Gang zum Katzenklo im Minutentakt und Blut im Urin. Natürlich wie immer am Abend, also war ein teurer Notfalltierarzt angesagt.
Nun standen Steine, Kristalle und Struvit im Raum, zudem die Gefahr eines Harnverhalts, der innerhalb weniger Stunden behandelt werden müsste. Der angesetzte Ultraschall sollte allerdings erst sechs Tage später stattfinden. Hieß also: warten und beobachten.
Die absolute Hölle für Brunhilde.
Ungewissheit, Gedankenschleifen ohne Ende, ungelöste Krankheitszeichen und ein Kater, der zwar nicht mehr ständig aufs Katzenklo rannte, aber trotzdem nicht ganz er selbst war. Nervensystemalarm hoch zehn. Kontrollmodus hoch hundert. Daneben musste ich noch versuchen, Berufs- und Privatleben irgendwie aufrechtzuerhalten. Was sich manchmal als unlösbar gestaltet, denn wenn man auf der Flucht vor einem Tiger ist, denkt man nicht darüber nach, was man einkaufen will. Meine Nahrungsaufnahme gestaltet sich daher auch sehr einseitig zurzeit.
Der Ultraschall gab immerhin Entwarnung in Sachen Steine oder Tumor. Es war allerdings etwas zu sehen, weshalb nun eine Urinprobe zur weiteren Abklärung benötigt wurde.
Also weiter. Katzenklo präparieren.
Um es meinem Kater möglichst leicht zu machen, legte ich zunächst nur ein paar vertraute Holzpellets hinein. Trennen konnte ich die beiden Kater nicht, das hätte für beide nur zusätzlichen Stress bedeutet. Also hieß es wieder: beobachten. Diesmal nicht mehr: Wie oft geht er aufs Klo?
Sondern: Geht er überhaupt? Und war er das überhaupt oder doch der andere Kater?
Zwei Tage passierte nichts.
Zwei Tage, in denen ich schon wieder im Kontrollmodus gefangen war.
Dem Kater war das herzlich egal. Er ging nachts aufs Katzenklo oder genau dann, wenn ich nicht zu Hause war. Anschließend konnte ich natürlich nicht mehr sagen, von wem der Urin eigentlich war.
Nach zwei Tagen griff ich dann doch zu dem Spezialstreu, das der Tierarzt mitgegeben hatte. Eigentlich wollte ich meinem Kater ersparen, dass nun auch noch sein Katzenklo ungewohnt war. Aber langsam musste etwas passieren.
Abends füllte ich also das Streu ein. Er stand daneben und beobachtete alles ganz genau. Danach ging er einmal hinein, schaute sich alles an und kam wieder heraus.
Brunhilde tippelte nervös mit dem Fuß.
Und dann ging er tatsächlich noch einmal hinein, scharrte wie verrückt – und da war sie endlich: die Urinprobe.
Im Nachhinein dachte ich mir natürlich, dass ich den Spezialsand auch gleich hätte verwenden können. Aber hinterher ist man ja immer schlauer.
Nun also fünf Tage warten auf das Ergebnis, weil das Wochenende dazwischen lag.
Der Befund lag dann endlich beim Tierarzt. Auf den Rückruf zu warten, um darüber zu sprechen, gestaltete sich eher schwierig. Warten … einer der schlimmsten Zustände. Auf den Zug zu warten, geht noch. Auf Untersuchungsergebnisse zu warten, ist einfach Mist.
Der Kater hatte inzwischen zusätzlich einen Ausschlag am Bauch, vermutlich durch das Rasieren für den Ultraschall und das Gel. Und er ging schon wieder fünfmal hintereinander aufs Katzenklo.
Zwei Stunden später dann das Ergebnis: Wieder viele Bakterien in der Blase, zudem Struvit, wobei nicht ganz sicher war, ob dieser durch die Blasenentzündung entstanden oder grundsätzlich schon vorhanden war. Ich also noch einmal den Kater eingepackt, zum Tierarzt gefahren, ein Antibiotikum spritzen und den Bauch anschauen lassen sowie das weitere Vorgehen besprochen. Es könnte unter Umständen eine lange Reise werden, weil der Tierarzt auf eine Stressblase tippt, die dann Bakterien anzieht. Und Stress bei einer Katze kann durch die absurdesten Dinge ausgelöst werden.
In den letzten Tagen hatte Brunhilde den Helm zwischendurch mal abgesetzt. Nun trägt sie ihn vorsorglich wieder. Irgendwie muss ich ihr nun klarmachen, dass es eine längere Geschichte werden könnte und ich nicht die ganze Zeit mit einem angegriffenen Nervensystem herumlaufen kann. Aber redet mal mit einer resoluten Wikingerin mit Axt in der Hand.
Brunhilde ist irgendwann in meiner Kindheit entstanden. Als Alarmsystem. Als Funktion, die in Krisen die Kontrolle übernimmt. Ihr Bestreben ist es, die Kontrolle zu behalten, weil sich Kontrollverlust lebensgefährlich anfühlt – besonders bei meinen autistischen Anteilen. Ihr ist nur leider nicht ganz klar, dass ein dauerhaft aufgedrehtes Nervensystem ebenfalls alles andere als gesund ist.
Momentan versuche ich deshalb, Kompromisse mit ihr einzugehen. Ich fahre mein Nervensystem zwischendurch immer wieder so gut es geht herunter und versuche, mir das Zepter nicht vollständig aus der Hand nehmen zu lassen. Das gelingt mal besser und mal schlechter.
Was meinem System auf jeden Fall hilft, ist das Externalisieren dieses übertriebenen Kontrollmechanismus.
Externalisieren bedeutet, einem inneren Anteil einen Namen, eine Gestalt oder ein anderes Bild zu geben, sodass man ihn besser von außen betrachten kann. (Es hat nichts mit einer Persönlichkeitsabspaltung zu tun.)
Ein Stück weit hilft mir das tatsächlich. Manchmal stehe ich aber auch einfach hilflos daneben und sehe dabei zu, wie Brunhilde wieder völlig übertrieben Dinge tut.
Ich werde weiter mit ihr arbeiten und hoffe, dass wir irgendwann einen Kompromiss finden, mit dem wir beide leben können.
Ganz verschwinden wird Brunhilde vermutlich nie. Aber vielleicht legt sie die Axt irgendwann einmal zur Seite.
TAKEAWAY 🐧
Ein überaktives Nervensystem ist kein Zeichen von Schwäche. Es versucht, uns zu schützen – manchmal nur etwas zu gründlich. Der erste Schritt ist oft nicht, es zu bekämpfen, sondern zu verstehen.









