Shutdown - Wenn das System crasht

7. April 2026


Je älter ich werde, desto schwerer fallen mir stundenlange Sozialkontakte. Wir hatten ja nun gerade Ostern und meine Tochter, die in Kopenhagen lebt, war zu Besuch. Aufgrund der Entfernung freue ich mich immer, wenn sie kommt, wir sehen uns ja nicht mehr so häufig. Nun hat sie dann auch eine Nacht bei mir geschlafen. Was wirklich schön war, für mein System aber auch sehr anstrengend, u.a. weil wir uns das Bett geteilt haben, das sonst mein alleiniges Reich ist. 

Außer der Übernachtung kam ein Tag vorher noch das österliche Familientreffen dazu. Heute morgen mussten wir dann um halb sieben aufstehen, weil sie zum Bahnhof musste. Für mich als Nachteule ist halb sieben wie für andere halb vier. Mein System fing gestern schon langsam an die Grätsche zu machen, das zeigt sich gern in innerer Weinerlichkeit, totaler Müdigkeit und Stimmung auf dem Nullpunkt trotz schöner Begegnungen. Heute morgen war dann aber Feierabend. Depressive Stimmung, die eigentlich keine ist, gepaart mit leichten Derealisationsgefühlen. Alles war etwas unwirklich und verzerrt. Nach drei Stunden zusätzlichem Schlaf ging zumindest das Traumgefühl weg.

Was mich persönlich immer kolossal nervt, ist, dass ich nicht einfach nur müde und platt bin, sondern es sich anfühlt, als ob die Welt insgesamt einfach zu viel ist. Ausgestattet mit einer ordentlichen Portion Hochfunktionalität merkt man es mir zwar meist nicht stark an, aber innerlich bin ich eigentlich schon zusammengerollt. Da ich heute frei habe, darf ich mich dann aber auch einfach mal nicht zusammenreißen. Dankbar bin ich, dass ich eher eine Neigung zum Shutdown habe als zum Meltdown, dann ist es wenigstens nur für mich anstrengend und ich schreie niemanden an. 

Warum kippt aber ein neurodivergentes System nicht einfach in Müdigkeit, sondern auch in Stimmung und Wahrnehmung? 
Das liegt daran, dass es hier nicht nur um einen reinen Energiemangel geht, sondern das ganze Nervensystem sich verschiebt. Neurodivergente Menschen haben häufig eine höhere Reizaufnahme durch weniger Filter, sie verarbeiten zusätzlich im Hintergrund Dinge und erreichen so schneller die Kapazitätsgrenze. Das Nervensystem sagt dann »Nö, Feierabend, so nicht mit mir!« und zieht die Luken dicht. Die Energie fährt runter, die Wahrnehmung wird gedämpft, manchmal fühlt es sich etwas dissoziativ an. Die Stimmung kippt hinterher, so wie ein Baby, das den Schlafpunkt überschritten hat. Eigentlich will der Körper Ruhe, findet sie aber nicht.

Das ganze System fühlt sich dann depressiv an, obwohl es mit echter Depression nichts zu tun hat. Da ich aber letzteres auch kenne, läuten dann im Kopf bei mir zusätzlich gern mal die Alarmglocken. Was natürlich ungemein hilfreich ist, wenn man ein System runter fahren will. Ich selbst empfinde mich dann immer als zu instabil und zu sensibel. So ganz habe ich noch nicht integriert, dass es schlicht eine Überlastungsreaktion eines hoch verarbeitenden Systems ist. Aus neurotypischer Sicht würde ich als »zu instabil und zu sensibel« gewertet werden, ein neurotypischer Mensch ist bei Überlastung eher nur müde und platt.

Aus neurodivergenter Sicht ist die Reaktion meines Systems allerdings normal und schon lehrbuchmäßig. Wenn die Energie abfällt, verändern sich die Neurotransmitter gleich mit und da das »hormonelle System« sowieso schon anders tickt (dazu hier mehr), macht sich das ordentlich bemerkbar. Was also emotional aussieht, ist eigentlich eher eine physische Reaktion. Rein kognitiv für mich logisch, an der Akzeptanz muss ich leider noch arbeiten.

Um aus so einem Shutdown wieder herauszukommen, brauche ich dann meist zwei bis drei Tage, je nachdem, was ich noch in meinem Alltag bewältigen muss. Ich bin »Alleinlader«, das heißt, dass ich meine Energie am besten für mich allein wieder auffülle. Mit einem Beruf, der Sozialkontakte voraussetzt, ist das nicht immer zu vereinbaren. Heute habe ich aber zum Glück frei, somit darf ich auch einfach nur schlecht drauf sein und meinem System die Ruhe gönnen, die es braucht, um mich wieder wie ein stabiler neurodivergenter Mensch zu fühlen.

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