Warum „geh doch einfach joggen“ nicht funktioniert
30. März 2026

Ich habe mich schon lange gefragt, was bei mir eigentlich verkehrt läuft, dass ich keine Glücksgefühle durch Sport bekomme. Lange habe ich es einfach als gegeben abgetan, was natürlich nur wenig zur Freude am Sport beigetragen hat. In den letzten Monaten bin ich dem dann doch noch einmal auf den Grund gegangen. Und es konnte ja schon fast nicht mehr anders sein: Die Hormonverarbeitung läuft bei Neurodivergenz auch anders. Macht den Sport auch nicht freudiger, aber erklärt zumindest einiges.
Hormone werden bei Neurodivergenz anders gewichtet, anders getriggert und anders reguliert. Ich greife mal die wichtigsten heraus:
Dopamin ist das Hormon für Motivation und die Jagd danach, genau das noch einmal zu bekommen. Es ist dieser kurze „Stromstoß“, den man – oft begleitet von einer Aktivierung des Systems – erlebt, wenn alles so läuft, wie man es sich vorstellt. Bei neurodivergenten Menschen ist das Grundniveau weniger stabil und die Ausschüttung stärker abhängig vom Interesse. Dafür sind die Ausschläge intensiver und der Abfall rabiater. Deshalb gibt es, besonders bei ADHS, weniger bis gar keinen Antrieb bei Pflichtaufgaben und die Möglichkeit, in einen Hyperfokus zu gelangen bei interessanten Aufgaben. Nach diesen Hochphasen ist das Loch dann leider umso tiefer. Dopamin will, dass man weitermacht.
Serotonin, unser „Hormon“ für Ruhe, Zufriedenheit und Stabilität, ist für Neurodivergente im Alltag oft weniger zugänglich. Es ist stärker kontextabhängig und muss sozusagen eher entstehen als einfach da zu sein. Das innere Gefühl ist dann eher „Suche“ als „Ankommen“.
Noradrenalin ist oft dysreguliert. Zuständig für Aufmerksamkeit und geistige Schärfe pendelt es bei ADHS häufig zwischen zu wenig Fokus und Überfokus (Hyperfokus). Hier setzen übrigens auch Medikamente an.
Adrenalin ist bei Neurodivergenz oft schneller und länger aktiv. Der Körper geht also schneller in den Alarmzustand und findet auch langsamer wieder heraus. Das sorgt für innere Unruhe und ein schnelleres „unter Stress stehen“. Während neurotypische Menschen noch entspannt auf ihrem Stuhl sitzen, fährt mein Nervensystem also schon Achterbahn.
Und dann kommt natürlich Cortisol ins Spiel. Mehr Stress → höheres Cortisol. Bei ND ist auch dieses System sensibler, schneller ansteigend und langsamer abklingend. Deshalb brauchen manche nach Reizüberflutung oft erst einmal eine längere Pause.
Dann gibt es noch die Endorphine, die dafür sorgen, dass wir uns wohlfühlen, entspannen und Schmerz reduziert wird. Leider können ND-Menschen diese oft weniger zuverlässig über Standard-Dinge wie Sport abrufen. Auch hier ist vieles stärker an bedeutungsvolle Aktivitäten gekoppelt. Wenn man also Sport eher so meh findet wie ich, dann kann das nichts werden.
Kurz:
Dopamin → Yes, Treffer! Weiter!
Serotonin → passt, ist stimmig
Noradrenalin → Aufmerksamkeit steigt
Adrenalin → Alarm, Spannung
Cortisol → Stress
Endorphine → schön, hier bleibe ich
Neurodivergenz → ja, alles da, aber du musst es dir schon holen …
Das Gesamtbild bringt also mit sich, dass es für neurodivergente Menschen häufig schwerer ist, an diese „Glücksgefühle“ zu kommen – und sie auch zu halten. Gleichzeitig schüttet das System schneller die eher anstrengenden Stresshormone aus.
Ich höre jetzt damit auf, mich dafür zu verurteilen, dass ich keinen Sport mag. Ich mache ihn dosiert trotzdem aus Vernunftsgründen. Und jage dann an anderen Stellen dem Dopamin hinterher, damit ich mich auch mal wach und fokussiert fühlen kann. Auch wenn am Ende des Regenbogens auf mich häufig eher kein Serotonin wartet.
TAKEAWAY
🐧
Hormone funktionieren nicht bei allen Menschen gleich – und genau das verändert, wie sich Motivation, Stress und Wohlgefühl anfühlen.









