Zwischen Reizhunger und Reizflucht

16. April 2026


ADHS und Autismus bringen jedes für sich schon enorme Herausforderungen mit sich. Es gibt aber auch neurodivergente Menschen, die beides haben. Der Begriff AuDHD wird häufig verwendet, ist aber keine offizielle Diagnose.

Ich habe von beidem (zum Glück) nur Anteile, die aber beide eine erhebliche Rolle in meinem Leben spielen. Dass meine innere Natur seltsame Widersprüchlichkeiten mitbringt, ist mir nicht neu. Zum Teil bin ich sprunghaft und dann auch wieder meinen eigenen Linien treu. Ich mag Abwechslung, aber sie schlaucht mich. Ich halte mich für spontan, aber bitte keine Spontanbesuche.

Es fühlt sich manchmal an, als würden zwei Systeme in mir gleichzeitig laufen. Das eine will Spannung und Abenteuer, das andere nur seine Ruhe. 
Ein Beispiel aus dem Alltag: Zurzeit ist mein Akku etwas geschwächt durch viele berufliche und private soziale Interaktionen. Mein autistischer Anteil ist klar dafür, einfach mal nur abzuhängen, sich abends eine Serie anzumachen und nichts weiter zu tun. Runterfahren, aufladen. Mehr nicht. Und dann springt mein ADHS-Anteil um die Ecke und hebt den Finger: »Hey, wir haben doch gerade dieses tolle Projekt – wollen wir da nicht weitermachen? Serie gucken ist langweilig.« Und nun ratet, wer meist gewinnt. Spoiler: die Dopaminjagd.

Also wird die Müdigkeit abgeschüttelt und auf ins Abenteuer. Innerlich höre ich meine autistischen Anteile aufschreien, aber ich ignoriere sie und sitze dann mehrere Stunden mit Kopf- und Kreativarbeit, nur um am nächsten Tag festzustellen, dass ich noch kaputter bin. Der Akku entlädt sich weiter. Aber es hat Spaß gemacht!
Spaß kostet. Das ist etwas, das mich immens nervt, und ich habe immer noch nicht das perfekte Gleichgewicht gefunden.

Ich drösel euch diese beiden Anteile mal auf:
Der ADHS-Anteil sucht nach Reiz und Belohnung und hat Probleme, mit etwas anzufangen – es sei denn, der Reiz ist groß genug.
Der autistische Anteil ist reizempfindlich, hat Detailfokus und ein Bedürfnis nach Vorhersagbarkeit.
ADHS will Input, Autismus vermeidet zu viel Input. Beide stehen in ständigem Konflikt miteinander. Das Problem ist nicht das eine oder das andere – sondern dass beides gleichzeitig aktiv ist.

Im Alltag ist es schon kompliziert genug: Ich nehme alles wahr, obwohl ich eigentlich gar nicht alles wahrnehmen will, weil es zu viel ist. Musik kann mir helfen, sie kann aber auch überfordern. Ich finde soziale Kontakte manchmal gut und interessant und dann wieder total anstrengend. Masking und Hochfunktionalität saugen zusätzlich Energie ab. Mein Alltag leert oft meinen Akku, den ich dann mit etwas aufzuladen versuche, was mir Spaß macht. Ich kann tief in etwas eintauchen und fühle mich dann wiederum vom Alltag genervt. Spezialinteressen (Autismus) führen zum Initiieren von Tätigkeiten (ich fange an), ADHS hindert mich daran, wieder aufzuhören.

Von außen wirkt es wahrscheinlich widersprüchlich und inkonsequent, innen ist es aber ein ständiges Pendeln zwischen zwei entgegengesetzten Polen. Meine Funktionsfähigkeit ist kontextabhängig: Ich kann bis zwei Uhr nachts an Videos basteln, aber wehe, ich müsste um zwölf noch mit meiner Steuererklärung anfangen. Mein Leistungsmodus ist nicht stabil. Ich kann mich zu vielem zwingen, ja. Aber es kostet mich die doppelte Energie.

In einem sind sich beide Systeme einig: Was keinen Sinn oder keinen Spaß macht, bleibt erst mal liegen. Mein Zugriffssystem funktioniert selektiv – nicht nach Wichtigkeit, sondern nach Reiz. Anders gesagt: Ich funktioniere energieeffizient, auf meine Weise.

Die Überlappung von Autismus und ADHS gibt es noch nicht als eigenständige Diagnose, es gibt aber Menschen, die beide Diagnosen haben. Und ganz ehrlich: Sie haben mein tiefstes Mitgefühl – mir reichen schon die Anteile von beidem.
Aber irgendwie macht es das Leben auch interessanter. (Autismus seufzt, ADHS jubelt.)

Vielleicht schaffe ich es noch, ein Gleichgewicht zwischen meinen beiden Anteilen herzustellen und meinem autistischen Anteil, der eigentlich immer zu kurz kommt, auch mal die Führung zu überlassen. Mal ein paar Tage nichts tun. (Autismus jubelt, ADHS meckert.)

Mein Nervensystem wäre dankbar über den Satz: »Ich kann alles, nur nicht jederzeit.«

TAKEAWAY 🐧
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