Warum muss man sich für Anderssein immer noch rechtfertigen?

Mir laufen immer wieder Artikel und Posts über den Weg, in denen um mehr Verständnis und mehr Achtsamkeit im Umgang mit psychischen Erkrankungen und Neurodivergenz gebeten wird. Es ist traurig, dass das überhaupt noch sein muss, und sagt viel über unsere Gesellschaft aus.
Nach wie vor werden physische Krankheiten weitaus ernster genommen als Dinge, die nicht sichtbar im Gehirn stattfinden. Sich krankschreiben lassen, wenn man das Bein gebrochen hat – kein Problem. Auch eine Grippe ist ein guter Grund. Aufgrund von Depressionen oder Burnout nicht mehr arbeiten zu können, wird immer noch belächelt oder sogar abgewertet. Derjenige solle sich mal nicht so anstellen, ein paar Spaziergänge und positives Denken hätten noch niemandem geschadet. Und überhaupt wähle derjenige ja seinen Zustand selbst, weil es so schön bequem ist und sowieso eine gute Ausrede.
Letzteres kommt momentan vermehrt auch beim Thema Neurodivergenz vor. Da wird von „Alle haben auf einmal ADHS“ geredet und davon, dass die Menschen sich nur auf ihren Diagnosen ausruhen würden, anstatt endlich mal ihr Leben in den Griff zu bekommen. Gut, es gibt sicher auch einige Menschen, die sich nach der Diagnose hinstellen und meinen, nun müssten sie keine Verantwortung mehr für ihr Handeln übernehmen. Aber nach dem, was ich so an Erfahrungsberichten lese, sieht es ganz anders aus.
Eine Diagnose erklärt zunächst einmal, warum bestimmte Dinge anders oder schwieriger funktionieren – und genau diese Erklärung ist Voraussetzung dafür, überhaupt sinnvoll etwas verändern zu können.
Menschen, die erst spät diagnostiziert werden, sei es nun mit ADHS oder Autismus oder beidem, sind in erster Linie erleichtert, dass es nun eine Erklärung für ihr Innenleben gibt. Dann kommen große Fragezeichen, was man nun damit anstellen kann. Oft dauert es lange, bis sie wirklich adäquate Hilfe bekommen. Die richtige Therapie zu finden und dann auch noch einen Platz zu bekommen, ist alles andere als leicht. Denn selbst bei Therapeuten ist Neurodivergenz noch nicht wirklich angekommen. Dass es ADHS und Autismus gibt, ja. Dass diese Diagnosen aber nicht heißen, dass der Mensch nun möglichst weit in die „normale“ Richtung gebracht werden muss, nicht wirklich. Zum Glück gibt es inzwischen immer mehr Menschen, die gerade damit arbeiten. Allerdings sind Therapieplätze noch rar, und so steht ein Mensch mit Diagnose erst einmal hilflos da.
Bei Artikeln oder Kommentaren, die gegen den „Neurodivergenz-Trend“ wettern, wird auch gern übersehen, welchen Leidensweg diese Menschen oft schon hinter sich haben. Ihr Leben lang haben sie sich falsch gefühlt, nicht zugehörig und immer wieder missverstanden. Oft wurden sie sogar falsch diagnostiziert. Nicht wenige Frauen bekamen mitunter die Diagnose Borderline-Störung, obwohl eigentlich ADHS, Autismus oder beides dahintersteckte. Depressionen und Ängste waren und sind nicht selten Begleiter neurodivergenter Menschen, einfach weil vieles nicht zuzuordnen war. Weder von außen noch von innen.
Dass diese entstanden sind, weil die „Grundbausteine“, nämlich die andere Funktionsweise des Gehirns, schon völlig missverstanden wurden, ist vielen nicht klar. Dass Depressionen und Ängste oft Komorbiditäten von Neurodivergenz sind, habe ich in meinem Artikel „Wenn das Nervensystem nicht mehr mitspielt“ näher beleuchtet.
Unsere Gesellschaft hält sich oft für tolerant, für gebildet und weit entwickelt. Aber in vielerlei Hinsicht scheinen wir immer noch im Mittelalter zu leben. Wer würde auf die Idee kommen, zu einem Brillenträger zu sagen: „Nun streng dich mal ein bisschen an beim Sehen, du musst es nur wollen!“? Wer würde zu jemandem im Rollstuhl sagen: „Du willst diesen Zustand doch, sonst würdest du ja aufstehen!“? Ich denke, wahrscheinlich niemand. Immerhin das haben wir schon erreicht.
Aber warum klappt es nicht, dass Menschen psychische Schwierigkeiten genauso ernst nehmen? Das frage ich mich immer wieder. Weil sie nicht sichtbar sind? So wenig greifbar? Weil man sich nicht in andere hineindenken oder hineinfühlen kann oder will? Weil es zu abstrakt ist, man es sich nicht vorstellen kann? Oder weil man nicht mit seinen eigenen Schwächen in Berührung kommen will?
Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die wirklich bunt ist. Nicht im Sinne von Regenbogenflaggen, sondern im Sinne von der „Normalität“, dass keiner normal sein muss. Dass alle unterschiedlich sind, dass Gehirne anders funktionieren, sexuelle Vorlieben anders sind, Hautfarben und Kulturen unterschiedlich sind und alle den gleichen Raum, die gleiche Selbstverständlichkeit haben.
🐧 Ich habe dazu ein Lied geschrieben. Es heißt „No Apologies“ – keine Entschuldigung dafür, anders zu sein. Wer Lust hat, darf gern reinhören.
https://www.youtube.com/watch?v=3AgCnAuMkmg









