Wenn Logik auf Emotion trifft

22. März 2026


Manche gehen vielleicht davon aus, dass neurodivergente Menschen untereinander besser klarkommen als neurodivergente mit neurotypischen Menschen. Das ist leider nicht unbedingt der Fall. Wenn man sich die Profile von ADHS und des autistischen Spektrums einmal genauer ansieht, wird man feststellen, dass beide ziemlich gegensätzlich funktionieren und sich gegenseitig durchaus auf die Nerven gehen können. Besonders interessant wird es, wenn man beide Anteile in sich trägt, denn dann geht man sich auch selbst gern mal auf die Nerven. Aber dazu ein anderes Mal.

Es gibt in der Neurodivergenz zudem viele Mischprofile, die oft unter dem Radar bleiben. Und auch Autisten funktionieren nicht alle gleich, genauso wenig wie ADHSler. Die Unterschiede zeigen sich besonders häufig in der Kommunikation. Ich selbst kommuniziere eher explizit, das heißt, dass ich Dinge versuche, sachlich auf den Punkt zu bringen und Emotionen an der Stelle weitestgehend herauszuhalten. Zudem kommuniziere ich, besonders in Konflikten, gern schriftlich. Das gibt mir den Raum, meine Gedanken zu ordnen, und ich bin währenddessen nicht beeinflusst von meinem Gegenüber, weil ich nicht ständig scannen muss, wie die Stimmung ist, was die Augenbraue macht und ob ein Mundwinkel zuckt. Heißt, ich kann mich auf mich konzentrieren und auf das, was in mir vorgeht. Zudem verarbeite ich schon während des Schreibens und bin somit am Ende weitestgehend durch mit meiner Analyse, und meine Emotionen fahren auch runter.

Habe ich ein Gegenüber, das genauso funktioniert, lassen sich Konflikte so innerhalb kürzester Zeit klären. Aber das Leben ist kein Ponyhof. Somit ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man auf jemanden trifft, der gegensätzlich funktioniert, der z. B. implizit kommuniziert. Implizit heißt, es wird nach versteckten Botschaften gesucht – und diese werden natürlich auch gefunden. Dieser Mensch liest meinen faktenbasierten Text dann also durch und findet zuerst einmal Arroganz in meinen Worten, weil ich eben nicht emotional laut bin und zu sachlich wirke. Ruhe und Sachlichkeit werden einem gern als „gewollte Überlegenheit“ ausgelegt, das musste ich auch erst lernen. Und als Nächstes wird mein Text durchwühlt nach vermeintlichen Angriffen – und auch da wird natürlich einiges gefunden. Die Emotionen auf der anderen Seite steigen und als Antwort bekommt man dann etwas, das ich nur schlecht in Worte fassen kann und will. 
Aus faktenbasiert wird so emotionsbasiert, einfach weil die Verarbeitung des Gegenübers über Emotionen funktioniert und nicht über Logik. Was nicht besser oder schlechter ist, nur einfach grundlegend gegensätzlich – und im Grunde gibt es aufgrund dieser Gegensätze leider oft keine tragfähige Lösung.

Zwei emotionsbasierte Menschen können sich sicher die übelsten Schimpfworte um die Ohren hauen und sind sich anschließend einig, dass im Streit gesagte Dinge nicht so gemeint waren und wie herrlich es war, mal Dampf abzulassen. Als faktenbasierter Mensch geht es mir aber um Lösungen, um Situationen – und ich kann mit Angriffen unter der Gürtellinie nichts anfangen.

Früher bin ich gern in den Erklärmodus gegangen, habe die Samthandschuhe angezogen, versucht zu schlichten, und am Ende kam meist dabei heraus, dass wieder Frieden herrschte, ich aber eigentlich kein Stück weiter war. Wenn man irgendwann näher zu sich selbst kommt, reicht einem das nicht mehr.

Bei unterschiedlichen Kommunikationswegen in zwischenmenschlichen Beziehungen läuft es immer darauf hinaus, dass einer sich dem anderen anpassen muss. Kompromisse zu finden, ist an dieser Stelle eher schwierig. Da z. B. jemand mit hoher Alexithymie und hoher emotionaler Reaktion nicht gut in der Lage ist, sich selbst zu dämpfen, liegt es eher am sachlichen Gegenüber, das Ganze im Blick zu behalten und in Schach zu halten und hinterher aufzuräumen. Langfristig gesehen ist das eine undankbare Aufgabe, auch wenn man aus analytischer Sicht den anderen versteht und die nötige Empathie für seine Gefühle mitbringt.

Man versucht, sich in den anderen hineinzudenken, kann das auch, und relativiert dann die eigene Sicht der Dinge. Empathie und Analyse verkomplizieren es dadurch sogar noch, weil man im Blick weicher wird und seine eigenen Grenzen verschiebt – bis diese einmal zu oft überschritten werden.

Mein Gehirn, das immer alles verstehen und lösen will und offene Schleifen hasst, kommt mit Konflikten dieser Art nicht gut klar. Es kann den Knoten nicht lösen, warum der andere „das Gras ist grün“ liest, obwohl ich geschrieben habe „der Himmel ist blau“. Auch das versuche ich dann zu analysieren, aber logisch daran heranzugehen, führt einen an dieser Stelle nicht weiter. Man muss einfach akzeptieren, dass man sich noch so klar ausdrücken kann – wenn der andere etwas anderes hineinlesen will, dann macht er das auch. Manche Konflikte lassen sich nicht lösen. Das muss mein Gehirn irgendwann verstehen oder zumindest akzeptieren.

TAKEAWAY 🐧
Man kann sich noch so klar ausdrücken – verstanden wird immer durch das System des Gegenübers.
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