Wenn das Nervensystem nicht mehr mitspielt.
Warum neurodivergente Menschen häufiger mit Angst und Depression kämpfen

Wenn du jahrelang das Gefühl hast, falsch zu sein, sind Angst oder Depression keine Überraschung.
Dies liegt weniger daran, dass neurodivergente Menschen automatisch ängstlicher oder depressiver sind, als daran, dass sie häufig über Jahre oder sogar Jahrzehnte ihr eigenes System übergangen haben und in einer Welt leben, die für sie nicht gemacht scheint.
Wir leben in einer neurotypischen Welt und Menschen, deren Gehirn anders verknüpft ist, werden oft in ihrer Art der Wahrnehmung, Verarbeitung und Regulation ignoriert und abgewertet. Dazu kommen häufig das Unwissen über die eigene Neurodivergenz und die ständigen Vergleiche mit neurotypischen Menschen, die es doch auch alles können. So verdreht man sich, hält noch ein bisschen länger durch, überspielt Unsicherheiten und Ängste und trampelt auf dem eigenen Nervensystem herum, weil es gefälligst zu funktionieren hat und man nicht schwach dastehen will.
Daraus entstehen Dauerstress, Masking, Erschöpfung, Scham und soziale Unsicherheit. Und zur Krönung macht man sich dann zusätzlich gern noch selbst fertig.
Depressive Symptome und Ängste sind da schon fast vorprogrammiert.
Bei Autismus zeigen Meta-Analysen und große Übersichten erhöhte Raten für Angst und Depression. Etwa jeder vierte autistische Erwachsene leidet derzeit an einer Angststörung und/oder einer Depression.
In der Allgemeinbevölkerung liegen die Prozentzahlen für eine Angststörung bei 4,4 % und für eine Depression bei 5,7 %. Damit ist die Wahrscheinlichkeit für autistische Menschen, eine Angststörung zu entwickeln, etwa 6-fach erhöht und die einer Depression etwa 4-fach.
Bei ADHS sieht es ähnlich aus: Eine Angststörung tritt bei 25–50 % der Erwachsenen auf und Depressionen bei 18,6–53,3 %. Die Zahlen liegen so weit auseinander, da sie studienabhängig sind.
Noch nicht mitgezählt sind andere psychische Begleiterkrankungen, die mit Zahlen zwischen 50 und 80 % nicht unerheblich sind. Gemeint sind hier z. B. Persönlichkeitsstörungen, Substanzgebrauchsstörungen, bipolare Störungen und Zwangsstörungen.
Kommen ADHS und Autismus zusammen, kann das Risiko noch einmal steigen.
Diese Zahlen bedeuten nicht, dass Neurodivergenz automatisch krank macht. Sie zeigen aber, dass das Risiko für psychische Belastungen deutlich erhöht ist.
Überraschung: Wenn Menschen jahrelang gegen ihre eigene Wahrnehmung leben müssen, bleibt das Nervensystem nicht im Wellnessmodus.
Einen nicht geringen Anteil an der Ausbildung von Ängsten hat die Detailwahrnehmung. Manche neurodivergente Menschen nehmen nicht nur die Außenwelt intensiver wahr, sondern auch den eigenen Körper. Veränderungen und Abweichungen werden sofort registriert. Dabei ist nicht nur entscheidend, dass viele Signale wahrgenommen werden, sondern auch, wie gut sie gefiltert und eingeordnet werden können: Was ist wichtig? Was ist harmlos? Was muss ich beachten?
Wenn es z. B. sehr warm ist, sehr hell und man vielleicht noch ein Auto steuern muss, kommen schon mehrere Außenreize zusammen. Klopft dann auf einmal das Herz etwas schneller oder die Atmung wird anders, registriert das Gehirn dies sehr schnell und versucht es einzuordnen. Nun neigen einige neurodivergente Menschen zu Worst-Case-Szenarien und bevor man sich versieht, sieht man sich schon mit einem Ohnmachtsanfall in der Leitplanke. Was natürlich zusätzlich den Stress im Körper erhöht, für mehr Herzklopfen und schnellere Atmung sorgt und voilà, eine Panikattacke lässt grüßen.
Ich habe meinem übereifrigen Worst-Case-Anteil nun einen Namen gegeben. Sie heißt Brunhilde. Und Brunhilde ist die Wikingerin, die gleich in die Verteidigung springt, die schlimmsten Dinge voraussieht und anfängt, ihre Axt gegen alle möglichen Gegner zu schwingen. Leider sitzen die Gegner im Kopf.
Andere neurodivergente Menschen erleben eher das Gegenteil. Sie bemerken innere Zustände nur schwer oder sehr spät. So wird dann gern Essen oder Trinken vergessen oder der innere Stress bei Situationen übersehen, die eigentlich zu viel sind. So kann sich die Erschöpfung immer mehr ausbreiten und wenn sie wahrgenommen wird, ist der Akku schon so gut wie leer.
Tatsache ist, dass die Dunkelziffern bei Neurodivergenz und ihren Komorbiditäten um einiges höher sein dürften. Gut ist, dass es immer mehr Diagnosen gibt und Neurodivergenz ein immer umfangreicheres Thema wird. Schade, dass vieles inzwischen als Modediagnose abgetan wird. Aber ich habe Hoffnung, dass es mit den Jahren immer mehr Erkenntnisse und auch Verständnis geben wird. Und vielleicht wird die Welt irgendwann weniger neurotypisch und mehr neurodivers.
Ich glaube, Brunhilde würde sich freuen.
TAKEAWAY 🐧
Neurodivergenz macht nicht automatisch krank — aber ein Leben gegen die eigene Wahrnehmung kann das Nervensystem auf Dauer ziemlich zuverlässig in den Ausnahmezustand bringen.
Quellen: Hollocks et al. 2019 zu Angst und Depression bei autistischen Erwachsenen; Katzman et al. 2017 zu ADHS und psychischen Begleiterkrankungen; WHO-Fact-Sheets zu Angststörungen und Depression in der Allgemeinbevölkerung.









