Das Orakel im Kopf
21. Februar 2026
Wenn mein Nervensystem die Zukunft zu laut vorrechnet

Wer kennt es nicht. Entspannt liegt man auf der Couch. Der perfekte Zeitpunkt, um mal runterzukommen und das Nervensystem zu beruhigen.
Das Gehirn hat also mal nichts Konkretes zu tun — was für ein ND-Gehirn an sich schon ein Widerspruch ist. Die ersten Anzeichen dafür, dass mein Gehirn anfängt, sich zu langweilen, sind bei mir Ohrwürmer. (Sie können allerdings auch regulierend wirken, je nach Situation und Form.) Das immer gleiche Lied spielt in Endlosschleife. Und dann beginne ich zu scannen, denn die Stille im Kopf — außer ein paar Versen Musik — ist irgendwie beunruhigend. Eigentlich gerade gemütlich auf der Couch scanne ich also erst einmal alle meine Tiere durch: Atmet mein Kater normal? Wie ist meine Hündin drauf? Sind noch alle Fische sichtbar? Und da, endlich — ich fühle förmlich das wohlige Aufseufzen in den Synapsen: Der Kater liegt aber komisch heute! Und schon geht das Kopfkino los, die wildesten Worst-Case-Szenarien werden durchgespielt, natürlich enden sie grundsätzlich mit dem schlimmsten aller Ausgänge.
Ich denke, jeder hat so seine Themen, bei denen das Nervensystem von null auf hundert in den Alarmzustand springt. Meine Selbstständigkeit, beruflich wie lebenspraktisch, ist auch so ein Thema. Wenn man selbstständig ist, rumpelt es eigentlich ständig an irgendwelchen Ecken, und alles greift das Gehirn dankbar auf, um es in zig Variationen durchzuspielen, bis man sich selbst unter der Brücke und mit einem Berg voller Schulden sieht.
Nun könnte man davon ausgehen, dass das Gehirn auf Erfahrungswerte zurückgreift und daher übereifrig in den Alarmzustand hüpft. Bei meinen Tieren ist dies auch durchaus plausibel. Ich hatte schon einige in meinem Leben, und da ich jedes bis zu seinem Ende begleite, habe ich auch schon viel gesehen.
Auf dem finanziellen Sektor sieht es allerdings anders aus. Meine Erfahrung in meinem 52-jährigen Leben besteht eigentlich daraus, dass es immer irgendwie weitergeht. Zudem habe ich Rückhalt in meiner Familie. Ich dürfte also nicht in Stress geraten. Mein Gehirn sieht das anders.
Die spannende Frage ist nun: Warum macht das Nervensystem eigentlich immer so einen Stress?
Mein System reagiert nicht auf die Realität, es reagiert auf Unsicherheit. Nicht in Form von »mal sehen, was passiert«, sondern in Form eines großen schwarzen Lochs im Boden. Gerade für ND-Systeme ist Unsicherheit nicht gut haltbar. Sie muss korrigiert werden und verbannt werden. Und dies gelingt am besten, indem man sich das Gefühl von Kontrolle gibt, weil man meint, man hätte alle Unwägbarkeiten durchgespielt. Dass das Durchspielen an sich mehr Stress für das System bedeutet als die Unsicherheit selbst, ist dabei irrelevant.
ND-Systeme merken häufig Risiken früher als andere — lange bevor etwas passiert. Neurodivergente Menschen haben oft ein überempfindliches Frühwarnsystem: Mikroveränderungen werden zu Gefahr in möglichen Zukunftsszenarien und damit zu einer realen Bedrohung. Und während meine ADHS-Anteile mit der Schulter zucken und sich über ein bisschen Spannung freuen, schreien meine autistischen Anteile panisch auf.
Neurodivergente Risikoantizipation ist unglaublich nützlich, früher war sie sicher lebensrettend. Aber sie kostet massiv Energie. Das Nervensystem ist im Fight-or-Flight-Modus, und das über mehrere Stunden, Tage oder sogar Wochen hinweg. Das Gehirn will die Kontrolle behalten, koste es, was es wolle. Rational kann es wissen, dass es jederzeit Hilfe bekommen würde, aber die Hochfunktionalität will es allein regeln.
Hochfunktionale ND-Personen fühlen sich zudem existenziell bedroht, wenn die Energie knapp wird. Dieses Bedrohungsgefühl zeigt sich wiederum in einem überaktiven Nervensystem, das dann wiederum die Umgebung scannt — denn es muss ja einen Grund geben, dass man sich so unruhig fühlt. Bis man einen Grund findet, an dem man sich hochziehen kann, und schon stehen wir wieder am Anfang. Mein System rechnet permanent mögliche Risiken vor, auch wenn objektiv noch nichts passiert ist.
Die Angst des Nervensystems kommt also nur bedingt aus Erfahrung, hauptsächlich kommt sie aus der neurobiologischen Struktur. Selbst wenn man nie erlebt hat, dass man gefallen ist, bündeln sich zu viel Verantwortung, zu wenig Kontrolle, Überlastung und Unsicherheit, verbunden mit der zweifelhaften Gabe der orakeligen Vorausschau, zu einem permanenten Gefühl existenziellen Stresses.
Und während ich das hier schreibe, hat mein Kater sich inzwischen gemütlich eingerollt und weiß nicht, dass ich gedanklich schon mit ihm beim Tierarzt war. Mein Nervensystem kann also wieder herunterfahren. Für den Moment. Mein inneres Orakel taucht vielleicht morgen wieder auf — oder auch in einer halben Stunde, so genau kann man das nie wissen. Ganz leise wird es in neurodivergenten Gehirnen nie.
TAKEAWAY 🐧
Manchmal hilft es schon zu wissen:
Nicht jede innere Alarmmeldung ist eine Prophezeiung — manche sind einfach ein überengagiertes Frühwarnsystem mit deutlich zu viel Lautstärke.









