Was bleibt von Hochsensibilität übrig, wenn man ADHS und Autismus mitdenkt?

24. September 2026


Hochsensibilität (Sensory Processing Sensitivity, SPS) ist keine eigenständige Diagnose, sondern gilt als Temperaments- bzw. Persönlichkeitsmerkmal. Ich bin vor ca. 15 Jahren das erste Mal über Hochsensibilität gestolpert. Damals war Neurodivergenz noch nicht so präsent. Natürlich gab es ADHS und Autismus als Diagnosen schon, aber besonders bei Erwachsenen war das noch kein besonders großes Thema.

Inzwischen kann man sehr viel über Neurodivergenz erfahren, und ich frage mich, ob Hochsensibilität eigentlich ein eigener Bereich ist oder eher eine Art Platzhalter für Menschen, die – wie ich – keine Diagnose im Bereich ADHS und/oder Autismus haben. Denn im Grunde überschneiden sich die Merkmale in vielem.


Zur Hochsensibilität gehören eine stärkere Verarbeitung von Reizen, leichtere Überstimulation, stärkere Reaktionen auf emotionale und sensorische Eindrücke und einiges mehr. Und hier fängt das Problem an: Ein großer Teil dieser Beschreibung klingt verdächtig nach ADHS und Autismus.

Atypische sensorische Reaktionen zum Beispiel gehören ausdrücklich zum autistischen Spektrum. Auch bei ADHS kommen sie häufig vor, wobei sich die Formen der sensorischen Empfindlichkeit bei beiden unterscheiden können.

Inzwischen gibt es auch Forschung in diesem Bereich. Sie versucht, die Merkmale von SPS gegenüber ADHS- und autistischen Merkmalen abzugrenzen. Dabei zeigte eine Studie von 2025 keinen klaren Zusammenhang zwischen dem SPS-Gesamtwert und den Gesamtwerten für ADHS oder Autismus. Trotzdem gab es kleinere Zusammenhänge und Überschneidungen einzelner Bereiche. Andere Untersuchungen finden wiederum durchaus Zusammenhänge zwischen SPS und ADHS-Merkmalen.


Mir selbst erschließt sich diese Abgrenzung trotzdem nicht so ganz, denn nach meinem Verständnis findet man die zentralen Merkmale von Hochsensibilität auch bei ADHS oder im Autismusspektrum. Natürlich bedeutet das nicht automatisch, dass SPS und ADHS oder Autismus dasselbe sind. Einzelne Merkmale können in unterschiedlichen Kombinationen und aus unterschiedlichen Gründen auftreten.

Hier ein paar Beispiele:

  • sensorische Überempfindlichkeit → sehr typisch bei Autismus, auch häufig bei ADHS
  • schnelle Überreizung → kann bei beiden vorkommen
  • starke Wahrnehmung von Details → kann autistisch geprägt sein
  • emotionale Reaktivität → kann unter anderem bei ADHS vorkommen
  • Rückzugsbedürfnis nach vielen Reizen → kann schlicht Regulation nach sensorischer Belastung sein
  • „alles mitbekommen“ → kann mit Wahrnehmungsstil, Hypervigilanz, ADHS oder anderen Ursachen zusammenhängen
  • Sensation Seeking und gleichzeitig Reizempfindlichkeit → gerade bei ADHS keineswegs ungewöhnlich


Für mich stellt sich also die Frage: Kann Hochsensibilität ein Oberflächenphänomen sein, das aus neurodivergenten Merkmalen entsteht – auch dann, wenn diese Merkmale nicht stark oder vollständig genug für eine klinische Diagnose sind?

Autistische Merkmale werden nicht ausschließlich als etwas betrachtet, das entweder vorhanden oder nicht vorhanden ist. In der Forschung gibt es unter anderem den Begriff Broader Autism Phenotype für subklinische autismustypische Merkmale. Solche Merkmale können sich graduell auch bei Menschen finden, die keine Autismusdiagnose haben.

Ähnliches gilt für ADHS-Merkmale. Studien finden kontinuierliche Zusammenhänge zwischen der Ausprägung von ADHS-Merkmalen und sensorischen Auffälligkeiten auch bei Menschen ohne ADHS-Diagnose. Je stärker bestimmte ADHS-Traits ausgeprägt sind, desto häufiger können auch sensorische Auffälligkeiten auftreten. In Untersuchungen zeigten sich außerdem Überschneidungen zwischen einzelnen Merkmalen aus Hochsensibilitäts- und ADHS-Skalen.


Wenn man sich also einmal von der Diagnosegrenze entfernt, kommt die Frage auf, wie viel zusätzliche Erklärungskraft „Hochsensibilität“ eigentlich noch liefert, wenn man sensorische Verarbeitung, ADHS-Traits, autistische Traits, Temperament und andere Einflussfaktoren bereits dimensional betrachtet.

Wenn jemand beispielsweise starke sensorische Empfindlichkeit, intensive Reizverarbeitung, bestimmte Aufmerksamkeitsbesonderheiten, Spezialinteressen oder einen Wechsel zwischen Reizsuche und Überreizung zeigt, aber wegen guter Kompensation oder fehlender ausreichender Beeinträchtigung keine ADHS- oder Autismusdiagnose bekommt, dann kann „hochsensibel“ zwar Teile des Erlebens beschreiben, aber das zugrunde liegende Profil möglicherweise deutlich schlechter erklären.


Meines Erachtens reicht das Etikett „Hochsensibilität“ an manchen Stellen nicht aus. Vielleicht sollte manchmal genauer hingesehen werden, ob nicht auch andere neurodivergente Merkmale eine Rolle spielen.

Hochsensibilität könnte weniger eine eigenständige Kategorie sein als eine historisch ältere Beschreibung eines bestimmten Merkmalsprofils, das sich zumindest teilweise aus neurodivergenten Eigenschaften zusammensetzt.

Oder einfacher gesagt: Hochsensibilität könnte ein Bündel an Merkmalen beschreiben, während ADHS und Autismus neurokognitive Eigenschaften beschreiben, die zumindest bei einem Teil dieser Menschen darunterliegen könnten.


Ich möchte die Frage auch noch einmal andersherum drehen:

Gibt es ein oder mehrere Merkmale von SPS, die man bei ADHS oder Autismus gar nicht findet?

Ich habe bislang kein zentrales SPS-Merkmal gefunden, das grundsätzlich nicht auch im Zusammenhang mit ADHS oder Autismus beschrieben wird:

  • Licht, Geräusche, Gerüche oder Berührungen stark wahrnehmen: sehr klar bei Autismus, aber auch bei ADHS. Bei ADHS sind sowohl Über- als auch Unterempfindlichkeit über verschiedene Sinnesmodalitäten beschrieben.
  • Schnell reizüberflutet sein: ebenfalls bei beiden möglich.
  • Viele Details wahrnehmen oder subtile Veränderungen bemerken: kann insbesondere bei autistischen Wahrnehmungsprofilen auftreten.
  • Starke emotionale Reaktivität: findet sich häufig im Zusammenhang mit ADHS, ist allerdings kein exklusives ADHS-Merkmal.
  • Intensive Verarbeitung oder lange über Eindrücke nachdenken: kann sowohl mit autistischen als auch mit ADHS-bezogenen Merkmalen zusammenhängen, etwa mit Hyperfokus oder perseverativer Verarbeitung.
  • Empathie bzw. starke Reaktionen auf die Stimmungen anderer: schließt Autismus keineswegs aus. In populären HSP-vs.-Autismus-Vergleichen wird hier teilweise noch mit einem überholten Autismusbild gearbeitet.
  • Starke ästhetische Wahrnehmung, Musik, Kunst oder Natur intensiv erleben: ebenfalls nicht exklusiv für SPS. Untersuchungen zu SPS finden Zusammenhänge zwischen ästhetischer Sensitivität und Merkmalen wie Neugier und Empathie sowie teilweise auch mit Hyperfokus und kognitiver Flexibilität.


Also bleibt die Frage:

Was ist eigentlich das spezifische Merkmal von Hochsensibilität, das man braucht, um das Konstrukt von dimensionalen autistischen und ADHS-Merkmalen abzugrenzen?

Darauf gibt es momentan keine besonders überzeugende einfache Antwort.

Vielleicht verschieben sich die Begriffe in den nächsten Jahren weiter und die Schubladen werden zunehmend aufgeweicht, sodass am Ende ein wesentlich differenzierteres Profil entsteht.


TAKEAWAY 🐧
Viele Merkmale, die unter Hochsensibilität zusammengefasst werden, finden sich auch bei ADHS und Autismus. Offen bleibt, ob SPS tatsächlich ein eigenständiges Konstrukt ist – oder eher ein überlappendes Merkmalsprofil beschreibt.

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