Meine innere Truppe – und warum ich ihr Namen gegeben habe

Hinweis vorab:
Wenn ich in diesem Artikel von meinen „inneren Anteilen“ spreche und ihnen Namen, Eigenschaften oder sogar eigene Figuren gebe, hat das nichts mit einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS; früher auch „multiple Persönlichkeitsstörung“) zu tun.
Ich nutze diese Figuren, um unterschiedliche innere Zustände, Bedürfnisse, Reaktionsweisen und Verhaltensmuster greifbarer zu machen und ein Stück weit zu externalisieren. Dadurch kann ich sie leichter erkennen, beobachten und mit ihnen arbeiten.
Die Idee orientiert sich unter anderem an der Schematherapie und ihrer Arbeit mit verschiedenen Modi bzw. inneren Anteilen. Die Figuren sind also keine eigenständigen Persönlichkeiten, sondern eine bildhafte und für mich sehr praktische Art, unterschiedliche Seiten und Muster meiner eigenen Persönlichkeit zu beschreiben.
Vielleicht könnt ihr für euch etwas mitnehmen, wenn ich meine Arbeit mit meinen inneren Anteilen beschreibe.
In meinem Blogartikel „Mein Worst-Case-Gehirn heißt Brunhilde“ habe ich euch schon Brunhilde vorgestellt und beschrieben, dass es mir hilft, Anteile von mir zu benennen, um besser mit ihnen arbeiten zu können.
Inzwischen ist meine innere Truppe, wie ich sie liebevoll nenne, gewachsen. Ich habe für mich die wichtigsten Anteile herausgearbeitet – also diejenigen, die in meinem Verhalten und meinen Gefühlen besonders präsent sind und mit denen ich arbeiten möchte.
Zu Brunhilde sind inzwischen Tilda, Sibylle, Leni, Libra und ganz neu Ragna gekommen.
Brunhilde
Brunhilde kennt ihr schon aus meinem Artikel „Mein Worst-Case-Gehirn heißt Brunhilde“. Sie steht für mein überdrehtes Nervensystem – für Alarmbereitschaft, Katastrophengedanken und das Bedürfnis, mögliche Gefahren lieber einmal zu viel als einmal zu wenig durchzuspielen.
Da ich ihr bereits einen eigenen Artikel gewidmet habe, bekommt sie hier nur einen kurzen Auftritt. Zur inneren Truppe gehört sie natürlich trotzdem.
Tilda
Tilda, auch Tacker-Tilda genannt, ist mein ADHS-Anteil. Sie springt auf jeden Zug auf, der irgendwie spannend und interessant klingt und vor allem Dopamin verspricht.
Tilda hat viele dumme, aber auch kluge Ideen. Sie hält Gedankenschleifen am Laufen, weil es angeblich noch irgendein Rätsel zu lösen gibt, ist mein positiver kreativer Impuls und lässt insgesamt nie Langeweile aufkommen. Ich kenne Langeweile nicht – dank Tilda.
Sie verzettelt sich gern einmal, kann aber genauso gut über Stunden ein interessantes Projekt durchziehen und lässt mich die Welt immer wieder mit neuen Augen sehen.
Ich mag Tilda sehr, denn sie ist meine Triebfeder. Aber sie ist manchmal auch verdammt anstrengend, wenn sie mich einfach nicht zur Ruhe kommen lässt.
Sibylle
Sibylle ist ziemlich genau das Gegenteil. Sie ist mein autistischer Anteil.
Sie möchte Ruhe und Struktur, am besten wenig Sozialkontakte – und wenn, dann bitte mit Tiefgang. Sie notiert sich alles, hat eine hohe Detailwahrnehmung, erkennt Muster und Zusammenhänge und versucht, möglichst strukturiert und analytisch an Dinge heranzugehen.
Leider kommt sie oft zu kurz.
Tilda setzt sich immer noch häufiger durch. Und während Sibylle längst die rote Flagge gehisst hat und verzweifelt nach Ruhe schreit, erdenkt sich Tilda schon das nächste Abenteuer.
Ich bin dabei, stärker wahrzunehmen, wann ich Tilda gerade wieder einen Freifahrtschein gebe, obwohl Sibylle schon erschöpft in der Ecke sitzt. Denn am Ende zahle ich den Preis.
Tilda macht Spaß, aber sie erschöpft auch mein System. Den Tilda-Anteil in mir auszubremsen ist nicht einfach. Denn hey: Dopamin winkt!
Aber für meinen Energiehaushalt muss ich Sibylle öfter ernst nehmen.
Leni
Leni ist die Kleine.
Man kann sie entfernt mit dem inneren Kind vergleichen, aber eigentlich ist sie nur ein Teil davon. Sie steht für den Anteil in mir, der einfach nur geliebt und wahrgenommen werden will.
Leni ist in meiner Vorstellung ungefähr drei bis vier Jahre alt. Schutz und Liebe sind ihre Grundbedürfnisse. Dafür tut sie viel – und leider immer noch zu oft zu viel.
Wenn ich Leni das Ruder überlassen würde, würde sie sich verbiegen, klein machen, immer nett und lieb sein, nur um gemocht zu werden.
Nur endet das für sie leider oft in Enttäuschung. Denn es liegt in der Natur des Lebens mit anderen Menschen, dass nicht immer alle lieb und nett miteinander umgehen.
Leni mag keine Konflikte. Sie beschwichtigt lieber.
Wenn ich Konflikte eher konfrontativ austrage, leidet sie darunter. Sie muss noch lernen, dass auch das manchmal Schutz für sie bedeutet.
Im Grunde ist Leni der Mittelpunkt der ganzen Truppe.
Es geht darum, sie wahrzunehmen, ihr zuzugestehen, dass sie gerade enttäuscht, verletzt oder traurig ist, und dafür zu sorgen, dass sie sich innerhalb der Truppe geborgen und sicher fühlt.
Und vor allem muss sie lernen, ihr Glück nicht ausschließlich im Außen zu suchen.
Libra
Libra ist meine Romanfigur – und ich wäre gern ein bisschen mehr wie sie.
An ihr perlt vieles ab. Sie ist pragmatisch und setzt Grenzen, ohne dabei jedes Mal an sich selbst zu zweifeln. Vieles von dem, was der Rest der Truppe veranstaltet, findet sie zu nervig, zu anstrengend und sowieso völlig unnötig.
Sie ist sehr klar in ihren Ansichten, lässt sich nicht leicht beeinflussen und was andere über sie denken, ist ihr völlig egal. Dabei ist sie nicht kalt, sondern einfach sehr abgeklärt.
Libra ist für mich gelebte Authentizität mit einem guten Schuss „Buddha-Weisheit“.
Ragna
Zuletzt ist nun noch Ragna dazugekommen.
Ragna ist pure Wut.
Sie steht für die weniger gesellschaftsfähigen Seiten, die wahrscheinlich jeder Mensch irgendwo in sich trägt. Sie kann neidisch, missgünstig und rachsüchtig sein und manchmal fast platzen, weil sie sich nicht ausagieren darf.
Ragna ist der Anteil, den ich am stärksten deckele.
Wut wird nicht besonders gern gesehen. Das war schon in meiner Kindheit so.
Natürlich ist es sinnvoll, Wut nicht einfach ungefiltert an anderen Menschen auszulassen – schon gar nicht, wenn sie dabei verbal oder körperlich verletzt werden. Ein gewisser Deckel ist also durchaus vernünftig.
Das heißt aber nicht, dass die Wut selbst keinen Raum bekommen darf.
Ich halte es für wichtig, sie zumindest innerlich wahrzunehmen und anzuerkennen. Dauerhaft unterdrückte oder gegen sich selbst gerichtete Gefühle können psychisch belastend werden. Der entscheidende Punkt ist für mich deshalb nicht, Ragna loszuwerden, sondern einen Umgang mit ihr zu finden.
Zudem halte ich es für wichtig, auch die eigenen unangenehmen Anteile zu sehen.
Zum einen sind wir damit nicht allein auf der Welt. Und zum anderen halte ich nicht viel von „Licht und Liebe“ und der Rest wird bitte irgendwo im Keller eingesperrt.
Negative Gefühle, Gedanken und Impulse gehören zum Menschsein dazu.
Sie anzusehen, anzunehmen und in die eigene Persönlichkeit zu integrieren, erscheint mir wesentlich sinnvoller, als so zu tun, als wären sie nicht da.
Eine ziemlich lebhafte WG im Kopf
Inzwischen habe ich also sechs Anteile in mir herausgearbeitet, die großen Einfluss auf meine Gefühle, Gedanken und nicht zuletzt auf mein Verhalten nehmen.
Die größte Herausforderung bei der Arbeit mit ihnen ist für mich, allen Raum zu geben, ohne einem Anteil allein das Ruder zu überlassen.
Ich möchte schauen, woher sie kommen, was sie wollen und was sie vielleicht gerade brauchen.
Ich will hinsehen, warum es Leni in einem bestimmten Moment so wichtig ist, nett zu sein.
Ich will Ragna ansehen und mir erlauben, wütend zu sein.
Ich will Tilda und Sibylle besser in Balance bringen.
Ich will Brunhilde früher erkennen, bevor sie schon wieder mit Blaulicht durchs Nervensystem fährt.
Und ich will von Libra lernen.
Für manche mag diese Art der Selbstreflexion etwas schräg klingen. Für mich ist sie eine sehr plastische Möglichkeit, meine inneren Anteile sichtbar und greifbar zu machen – sie zu externalisieren.
Und nach dem Externalisieren kommt das Integrieren.
Alle dürfen ihren Platz finden, ohne dass einer von ihnen allein bestimmt, wohin die Reise geht.
Bis dahin ist es vermutlich noch ein Stück Weg.
Aber ich gehe ja nicht allein. ;-)
TAKEAWAY 🐧
Externalisieren heißt für mich nicht abspalten, sondern sichtbar machen. Und sichtbar machen ist der erste Schritt, um integrieren zu können.









