Overload und Hochfunktionalität

9. Februar 2026


Lange habe ich mich für schwach gehalten, nicht belastbar genug. Und als mir jemand vor ein paar Monaten sagte, dass ich mit ziemlicher Sicherheit hochfunktional sei, habe ich ihn ausgelacht. Wenn ich mich im Zusammenhang mit Funktionalität hätte beschreiben müssen, dann wäre es eher »niedrigfunktional« gewesen.
Aber ich habe einen Fehler gemacht, einen Gedankenfehler, den viele machen. Denn Hochfunktionalität bedeutet nicht, dass man 60 Stunden in der Woche arbeitet, fünfmal in der Woche zum Sport geht und am Wochenende noch Party macht.

Hochfunktionalität bedeutet schlicht, dass man über seine Grenzen hinausgeht und funktioniert, obwohl man schon im Overload ist. Und das ist völlig unabhängig von der Grundbelastbarkeit eines Systems.
Ich konnte es trotzdem lange nicht wirklich glauben und habe mich immer weiter damit auseinandergesetzt, bis mir klar wurde, dass ich ständig über die Grenzen meines Systems gehe. Ich funktioniere im Alltag, bediene Sozialkontakte, beschäftige mich gedanklich mit diversen Dingen, widme mich Hobbys und reflektiere mich und andere nebenbei noch. Und das, obwohl mein System eigentlich schon die roten Fahnen gehisst hat.

Viele setzen Hochfunktionalität mit „gut klarkommen“ gleich. Im Außen sieht man entspannt aus. Dabei bedeutet es häufig eher Kompensation, Masking und ein daueraktives Stresssystem. Das ist anstrengend, sehr anstrengend. Es ist ein Dauerlauf im roten Bereich.

Wenn man lang genug die roten Fahnen und die Sirenen im Kopf ignoriert, schafft man es zuverlässig an einen Punkt, an dem das System einfach nur noch sagt: Verdammt, jetzt reicht’s aber.
Häufig äußert sich das bei Menschen, besonders bei neurodivergenten Menschen, mit Rückzug (Shutdown, eher nach innen gerichtet) oder in einer Form von Überflutung (Meltdown, eher nach außen gerichtet).

Oder aber der Körper meldet sich, zum Beispiel mit einer schönen Erkältung. Und die Erkältung bringt dann etwas mit, was hochfunktionale Menschen sich meistens so nicht erlauben, nämlich doch mal Pause zu machen und zu sagen: Okay, jetzt darf ich, ich darf jetzt mal frei machen, ich darf mir jetzt mal ein paar Tage für mich nehmen, ich darf jetzt einfach mal nichts müssen.

Dann ist eine Erkältung, so nervig sie auch ist, fast schon wieder etwas Schönes. Wenn man sie nur damit verbringen kann, einfach mit Decke auf der Couch zu liegen, den Kopf ruhiger bekommt und die Pflichten in der Zukunft lässt. Einfach nur sein. Mit Rotznase und Husten.

Und dann passiert es: Auf einmal schafft es das System, sich auch wieder ein bisschen runterzuregulieren. Und man denkt dabei: Verdammt, ich könnte mir das eigentlich auch so mal erlauben. Aber der hochfunktionale innere Kritiker schreit: »Vergiss es!«
Hochfunktionalität bedeutet nicht nur, gut zu funktionieren, obwohl man eigentlich gar nicht mehr funktionieren wollen würde und könnte. Sondern sie bedeutet auch, sich nicht zu erlauben, nicht zu funktionieren.

Und weil man den Schalter nicht einfach umlegen kann, freut man sich schon fast auf die nächste Erkältung.
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