Wenn das Gehirn nicht mehr abschalten will

9. März 2026


Sicher kennen viele von euch das Gefühl des Flows. Einzutauchen in eine Tätigkeit und nicht zu merken, wie die Zeit verrinnt. Es ist ein entspanntes und friedliches Gefühl, erfüllend und ruhig. Irgendwann taucht man gesättigt wieder auf und kann seinem Tagesablauf weiter nachgehen.
Den Zustand des Flows dürfte so ziemlich jeder schon einmal erlebt haben.

Anders sieht es mit dem Hyperfokus aus. Dieser tritt häufiger bei neurodivergenten Menschen auf und ist nicht ganz so entspannt.

Ich war die letzten zwei Wochen in einem Hyperfokus. Anfangs etwas weniger, gegen Ende war ich voll auf Adrenalin und Dopamin. Ein Projekt, das sich vor ein paar Wochen in mein Gehirn geschlichen hatte, wollte nun endlich angegangen werden. Und als ich erst einmal angefangen hatte, gab es kein Zurück mehr.

In einem solchen Zustand fällt alles hintenüber, das nicht mit dem Fokus zu tun hat. Vom täglichen Ablauf einmal abgesehen, wird dann auch gern das Essen oder Schlafen vergessen. In den letzten beiden Nächten vor der Fertigstellung war mein Schlaf auf ein paar Stunden reduziert.
Zudem beschäftigt sich das Gehirn auch außerhalb der Tätigkeit ständig mit dem Projekt. Gedankenschleifen laufen ab, man ist innerlich unruhig und will weitermachen. Eigentlich ist sonst nichts mehr interessant. Im Gegenteil: Alles, das einen vom Weitermachen abhält, wird als störend empfunden.

Ich hatte mich zum Glück noch einigermaßen im Griff und konnte meinen täglichen To-dos nachgehen – allerdings widerwillig und unkonzentriert. Passenderweise war ich in der ersten Woche krank und konnte mich so ganz legitim ins Gehirnabenteuer stürzen. Zum Gesund werden trägt es allerdings nicht unbedingt bei. 
In der zweiten Woche wurde es dann schon schwieriger mit dem Managen der verschiedenen Aufgaben, die einen eigentlich nur von den weiteren Dopaminkicks abhalten, die das Gehirn so vehement verlangt.
Also mussten dann eben die Nächte herhalten.

Das Positive in solchen Zeiten ist die Lebendigkeit, die man spürt. Endlich hatte ich mal wieder das Gefühl von Sinn und von Erfüllung. Ich tat etwas, das mein ganzes Denken in Anspruch nahm und bei dem ich meine Kreativität in verschiedenen Bereichen ausleben konnte. Die Welt wurde heller, Menschen netter und überhaupt war das Leben schön. Wenn ich denn weitermachen konnte …

Das Anstrengende ist allerdings das innere Gefühl des Getriebenseins. Es fühlt sich fast zwanghaft an. Das Projekt nimmt das ganze Denken in Anspruch. Man kann es ganz gut mit einer vorübergehenden Sucht vergleichen.
Unruhe macht sich im Körper breit, und dieser schüttet nicht nur die guten Hormone aus, sondern auch Cortisol – ein Hormon, das eng mit Stressreaktionen verbunden ist. So schwankt man also die ganze Zeit zwischen Glücksgefühlen und Fluchttendenzen. Wobei Letzteres natürlich überhaupt nicht durchsetzbar ist, denn das Gehirn hat eine Aufgabe, die es abschließen möchte. Am besten sofort.

Wenn man ADHS-Anteile hat, ist man zudem ein kleiner Dopaminjunkie. Das macht es nicht unbedingt einfacher. Die autistischen Anteile sorgen zusätzlich dafür, dass man auch schön auf Linie bleibt.

Dies führe ich mal näher aus:

1. ADHS-Hyperfokus (Motivations- und Dopaminsystem)

Bei ADHS hängt der Fokus stark mit dem Belohnungssystem zusammen. Das Gehirn reagiert besonders stark auf Dinge, die neu sind, spannend sind, emotional stimulieren, ein Problem lösen lassen oder schnell Feedback geben.
Wenn so etwas auftaucht, kann das Gehirn plötzlich extrem stabil fokussieren – obwohl es sonst Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit hat. (Mein Projekt beinhaltete all diese Dinge. Warum also Pause machen?)
Deshalb wirkt ADHS von außen oft paradox:
Bei langweiligen Dingen ist die Konzentration schwierig, bei spannenden Dingen dagegen extrem hoch.
Hyperfokus ist hier also eher ein Motivationsphänomen. Er kann auch relativ abrupt enden – etwa wenn das Projekt abgeschlossen ist, das Interesse kippt oder die Belohnung ausbleibt.

2. Autistische Spezialinteressen (monotrope Aufmerksamkeit)

Bei Autismus liegt der Fokus weniger im Dopaminsystem, sondern eher in der Struktur der Aufmerksamkeit. Hier spricht man manchmal von monotropem Denken.
Das bedeutet: Die Aufmerksamkeit sammelt sich stark um wenige Themenfelder, während anderes ausgeblendet wird. Diese Interessen sind oft langfristig stabil, sehr tiefgehend, systematisch, detailorientiert und wenig abhängig von äußerer Belohnung. Ein Spezialinteresse kann jahrelang bestehen bleiben, während ADHS-Hyperfokus eher projekt- oder phasenbezogen ist.

3. Mischprofile (ADHS + autistische Traits)

Wenn beides zusammenkommt, passiert etwas sehr Interessantes:
ADHS bringt Dopamin-Kick und Aktivierung, autistische Traits bringen Fokus-Stabilität.
Das Ergebnis ist oft ein starker Startimpuls, enorme Kreativität, extrem tiefe Beschäftigung und schweres Abschalten.
Deshalb fühlen sich solche Phasen gleichzeitig an wie Flow, Sucht, Tunnel und Kreativrausch.

Es ist ein wunderbarer Zustand und gleichzeitig fürchterlich anstrengend.
Ich möchte keine Stunde der letzten zwei Wochen missen, auch wenn viel Frust dabei war, weil einiges nicht gleich so lief, wie ich wollte. Aber ein Projekt zu planen, es wachsen zu sehen und am Ende wirklich zufrieden damit zu sein, ist eine meiner wichtigsten Triebfedern.

Das hält mich am Leben. Und dafür danke ich der Neurodivergenz.

Unangenehm ist nur das Loch, das danach gern einmal auftaucht. Aber dazu ein anderes Mal mehr.

TAKEAWAY 🐧
Hyperfokus fühlt sich oft gleichzeitig wie Sinn, Rausch und Stress an.
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