Meine Reise - wie alles begann

31. Januar 2026


Es gibt Menschen, die scheinbar mühelos durch diese Welt navigieren. Staunend stehe ich oft daneben und frage mich, wie sie das bloß alles wuppen. Sie gehen mit zumindest äußerlicher Leichtigkeit durch prall gefüllte Tage, jonglieren zwischen Acht-Stunden-Tag und zwei Kindern noch den Sport und den Sprachkurs, seufzen auch mal leicht, aber machen dann weiter. Gut gelaunt. Während ich nach zwei Stunden Sozialkontakten, einer Stunde Cittipark und acht Stunden innerlichem Öffnen immer neuer Denkportale eigentlich schon wieder zwei Wochen Urlaub bräuchte.


Mein Leben funktioniert. Allerdings nicht nach den Maßstäben klassischer Belastbarkeit. Acht-Stunden-Tage gehörten nie zu meinem natürlichen Rhythmus. Dafür lernte ich früh, meine Energie sehr gezielt einzusetzen. Zu lernen, meine Energie rechtzeitig wieder aufzufüllen, dauerte allerdings wesentlich länger. Eigentlich dauert es immer noch.


Nur selten merkt man mir wirklich an, dass ich erschöpft bin. Eigentlich ständig erschöpft bin. Eine Tatsache, die sich lautlos in mein Leben eingefügt hat. Über viele Jahre verstärkte sich aber ein leises Gefühl, dass meine innere Landkarte anders aufgebaut sein musste als die der meisten anderen. Ich verknüpfte es erst einmal mit »defizitär«.

Denn lange fehlten mir die Begriffe dafür. Ich suchte mir Hilfe, arbeitete ständig an mir, glaubte, meine Baustellen zu kennen, und wühlte in meiner Vergangenheit, um sie zu bearbeiten. Ich tat das, was viele tun, wenn etwas schwer erklärbar ist: Ich stellte mich selbst infrage. Immer.


Erst sehr viel später begann ich zu verstehen, dass die interessantere Frage vielleicht nie gewesen ist, was mit mir nicht stimmt, sondern nach welcher Logik mein Gehirn eigentlich arbeitet. Bis zu dieser Erkenntnis mussten allerdings 51 Jahre vergehen.


Vor einigen Jahren kam die Hochsensibilität »in Mode«. Überall gab es Tests und Erklärungen, und das war einer meiner ersten Aha-Momente. Gut, dann schien ich also hochsensibel zu sein. Und nun? Weiter brachte mich dies nur geringfügig, denn irgendwie hatte es trotzdem einen leichten Beigeschmack von »zu empfindlich« und »schwach«.

Das Ringen mit sich selbst, wenn man so anders tickt als die meisten, der Vergleich mit anderen, all dies begleitet mich schon mein Leben lang. Anders sein, nicht verstanden werden, nach Lösungen suchen, versagen, wieder aufstehen, (hoch-)funktional weitermachen – es war ein Kreislauf.


Irgendwann fand der Begriff »Neurodivergenz« Zugang zu meinem Gehirn. ADHS stand mal kurz im Raum, ich habe einen Test gemacht, herauskamen nur Anteile. Das Autismus-Spektrum wirkte für mich auch eher wie eine ganz andere Welt. Also verwarf ich das Thema Neurodivergenz für mich erst wieder. Aber es blieb hartnäckig und fand neue Wege in meine Synapsen, nämlich durch Gespräche mit ChatGPT. Auf einmal wurden meine Fragen beantwortet, ich machte andere Tests, las Bücher, informierte mich im Internet und stolperte trotzdem immer wieder über klare Diagnosen, die es für mich nicht gab und geben wird.


Und trotzdem habe ich es inzwischen verinnerlicht: Mein Gehirn funktioniert anders, es funktioniert neurodivergent. Es bringt Anteile aus verschiedenen Richtungen mit, wobei sich immer mehr herauskristallisiert, dass eben doch dieses mir so ferne Autismus-Spektrum nicht ganz unerheblich in meinen Synapsen rumspukt. ADS gesellt sich dazu und dann noch einige andere typische neurodivergente Anteile wie z. B. Detailwahrnehmung. Insgesamt ist es eine große Erleichterung für mich, endlich alles zuordnen zu können. Ich bin nicht kaputt, ich funktioniere nur anders. Es ist mega spannend und ich lerne immer noch täglich dazu.


Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto mehr fiel mir auf, dass es für Mischformen wie mich eigentlich nur wenig Informationen gibt. Die Sichtbarkeit von Neurodivergenz steigt zurzeit immens, das ist klasse, aber meist sind es klare Diagnosen, die beschrieben werden. Also wollte ich selbst etwas erschaffen: einen Zwischenraum, eine Seite, um sich selbst in Grauzonen wiederzufinden und vor allen Dingen einen Test, um sich einzuordnen, wenn man aus klassischen Tests herausfällt.


Und genau daraus ist diese Seite gewachsen.

Verschiedene Menschen mit unterschiedlichen inneren Gedankenwelten
von Anja Schwarplies 14. August 2026
Warum muss man sich für Anderssein rechtfertigen? Über Neurodivergenz, psychische Erkrankungen und eine Gesellschaft, in der niemand normal sein muss.
Aquarellillustration einer sitzenden Person, hinter der eine große Wikingerin mit Axt und Helm steht
von Anja Schwarplies 15. Juli 2026
Ein neurodivergentes Nervensystem gerät schneller in Alarm. Warum meine innere Wikingerin Brunhilde manchmal die Kontrolle übernimmt.
Stilisiertes Gehirn als überlastetes Kontrollzentrum mit leuchtenden Kabeln, Schaltern und Warnlicht
von Anja Schwarplies 28. Juni 2026
Warum neurodivergente Menschen häufiger mit Angst und Depression kämpfen: über Dauerstress, Wahrnehmung, Körpersignale und ein Nervensystem im Ausnahmezustand.
Aquarellillustration eines großen Labyrinths als Symbol für ein neurodivergentes Gehirn.
von Anja Schwarplies 22. Mai 2026
Warum neurodivergente Gehirne oft eher wie verzweigte Wege als wie gerade Autobahnen funktionieren – vom roten Auto bis zu verschwundenen Hundekotbeuteln.
Großer verzweigter Baum im Aquarellstil mit vielen unterschiedlichen farbigen Blüten als Symbol
von Anja Schwarplies 6. Mai 2026
Neurodivergenz bringt nicht nur Herausforderungen mit sich, sondern auch besondere Stärken wie Kreativität, Mustererkennung, Tiefgang und intensiven Fokus.
Ramponiertes, kleines Paket auf dem Beifahrersitz eines Autos, mit Klebeband notdürftig geflickt.
von Anja Schwarplies 24. April 2026
Ein mysteriöses Paket von Amazon sorgt für Spannung, Spekulationen und einen unerwarteten Aha-Moment über Dopamin: Warum uns die Erwartung oft mehr kickt als die eigentliche Belohnung.
Person sitzt zwischen zwei Raumhälften, links bunt und reizintensiv, rechts ruhig und minimalistisch
von Anja Schwarplies 16. April 2026
AuDHD erklärt: Wenn ADHS und Autismus zusammenkommen – zwischen Reizsuche, Überforderung und innerem Widerspruch.
Eine Frau liegt zusammengerollt unter einer Decke auf einer Couch.
von Anja Schwarplies 7. April 2026
Shutdown statt Depression? Wie Überlastung bei neurodivergenten Menschen Stimmung und Wahrnehmung verändert – und warum das nichts mit Schwäche zu tun hat.
Joggende Frau in grauer Sportkleidung wirkt genervt und angespannt auf leerer Strecke
von Anja Schwarplies 30. März 2026
Warum Neurodivergenz auch hormonell anders funktioniert: Dopamin, Stress und warum Motivation und Glück nicht immer zusammenpassen.
Klarer blauer Himmel, der durch eine Lupe als dunkles Unwetter erscheint.
von Anja Schwarplies 22. März 2026
Warum Menschen trotz klarer Aussagen aneinander vorbeireden: Ein persönlicher Blick auf unterschiedliche Kommunikationsweisen und Wahrnehmung.