Zwischen Schubladen – warum psychologische Kategorien oft zu eng sind
2. Februar 2026

Menschen brauchen für alles Kategorien, sei es nun, dass die Gabel zum Besteck gehört, der Apfel zum Obst oder die Eiche zu Bäumen. Ersteres ist ein Ding, Letztere gehören zu den Pflanzen. Das ist insofern schon mal hilfreich, dass man so klar weiß, dass alles , was in die Kategorie Dinge gehört, eher nicht essbar ist. Zumindest häufig nicht ohne gesundheitliche Schäden.
Gesundheitliche Schäden kann man allerdings auch bei dem Genuss von Pflanzen bekommen, was es schon wieder ein wenig erschwert. Darum gibt es die hilfreiche Unterkategorie "giftige Pflanzen", auch diese sind dann noch wieder unterteilt in krankmachend oder tödlich. Kategorien sind also vor allem pragmatisch, aber oft nicht logisch perfekt.
Besonders in der Medizin vereinfacht es aber einiges, wenn man Krankheiten in Kategorien stecken kann. In der Psychologie gibt es auch viele Kategorien, dort heißen einige »Störungen«. Ein Wort, an dem ich mich zum Teil »störe«, weil nicht alles was so heißt, unbedingt auch so wahrgenommen wird.
Autismus heißt also fachlich »Autismus-Spektrum-Störung«
und ADHS "Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung".
Die Begrifflichkeiten sind zwar erst einmal systembedingt gemeint und nicht wertend, aber selbst auf ein System bezogen, verbinde ich den Begriff »Störung« erst einmal mit kaputt zum einen und reparabel zum anderen. Und eigentlich fangen die Probleme hier schon an.
Komplexe innere Realitäten werden vereinfacht und in Schubladen gesteckt. Verständlich einerseits, denn man möchte ja einen Überblick haben, sortieren können und saubere Diagnostik machen, was nur mit Referenzrahmen funktioniert. Und wenn man etwas behandeln und/oder therapieren möchte, dann ist es immer gut zu wissen, an welcher Schraube man drehen muss. Man muss also Grenzen ziehen, um zu einer Diagnose zu kommen.
Gut ist auch, dass es inzwischen viele Diagnosen im Autismus- und ADHS-Bereich gibt, denn so werden unterschiedliche neurobiologische Ausprägungen sichtbarer und das Thema Neurodivergenz insgesamt präsenter. Die Grenze zwischen neurotypisch und neurodivergent ist dabei jedoch keine natürliche Trennlinie, sondern eine diagnostische Setzung, die vor allem in Tests und Kriterien sichtbar wird. Vereinfacht gesagt: Bei 75 Punkten bekommst du eine Autismus-Spektrum-Diagnose, bei 74 Punkten hat es dafür leider nicht gereicht.
ADHS und Autismus kommen gern auch mal zusammen, mal ganz klar diagnostiziert, mal eher nur mit Anteilen, aber trotzdem deutlich vorhanden. Hochsensibilität, die es nicht als Diagnose gibt, aber in aller Munde ist, mischt dann gern noch mit und wenn dann noch ein Trauma dazu kommt, blickt keiner mehr durch. Kategorien helfen sortieren, sind aber nicht in der Lage, das bunte Potpourri der Neurodivergenz abzubilden.
Vielleicht kennen es einige von euch: Ihr denkt, dass ihr vielleicht Anteile von ADHS habt, macht einen Test und bekommt ein eindeutiges »Nein« als Antwort, weil ihr die Fragen nach euren Verhaltensweisen in der Kindheit nicht beantworten konntet. Zudem seid ihr vielleicht noch relativ strukturiert und selbstreflektiert, das ist ein Ausschlusskriterium. Oder ihr vermutet Tendenzen zum Autismus-Spektrum, könnt aber Smalltalk machen und seid in der Lage euer Gegenüber zu reflektieren. Zack, keine Diagnose. Hohe Selbstreflexion, Masking und Kompensation, Meta-Denken und Erinnerungslücken torpedieren die üblichen Schubladen-Tests.
Tests messen Modelle und keine Menschen, und für Menschen mit einem neurodivergenten Gehirn, die nicht in Modelle passen, bleibt erst einmal ein großes Fragezeichen.
Nicht selten hat das zur Folge, dass vermeintliche Defizite in Therapien zu bearbeiten versucht werden. Da Therapien aber häufig neurotypisch ausgelegt sind, könnte Frust vorprogrammiert sein. Zum Thema Therapien mache ich beizeiten noch einen eigenen Artikel.
Ich begrüße sehr, dass Neurodivergenz immer sichtbarer wird und auch in manchen Ecken das Denken weggeht von »Störung« hin zu »Vielfältigkeit«. Und die vielen neuen Diagnosen, die Menschen teilweise erst nach 30 oder 40 Lebensjahren erhalten, sind für diese immens erleichternd und wegweisend. Endlich zu wissen, warum man sich eigentlich immer anders gefühlt hat, ist eine sehr große Bereicherung. Fehlen tut mir noch ein »Auffangbecken« für alle, die wie ich, im Graubereich hocken und versuchen, sich selbst und ihre Fähigkeiten und Defizite einzuordnen und kennenzulernen. Ich hoffe, mit dieser Seite dazu beitragen zu können.









